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Das kurze aber heftige Hagelgewitter hatte ganze Arbeit geleistet. Massen von noch grünen Kastanienfrüchten, zerfetzten Blättern und kleine zersplitterte Äste lagen der langen Seepromenade entlang versprengt. Kommissar Meier wartete in seinem Auto. Er stieg noch nicht aus. Durch den Regen sah er die beiden Streifenpolizisten unter dem schützenden Dach des Einganges zur Badeanstalt am See stehen. Nicht weit von ihnen entfernt kauerte eine Frau in jämmerlicher Verfassung. Sehr wahrscheinlich eine Zeugin, dachte Meier. Bald hörte auch der Regen, der auf den Hagel gefolgt war, wieder auf. Meier schob seinen dicken Wanst mit einem ächzenden Laut am Lenkrad vorbei, stieg aus dem Auto und watete durch die zum Teil Eier grossen Hagelkörner hinüber zu der Gruppe von Leuten. Die klare Luft, die das heftige Gewitter zurückgelassen hatte, behagte Meier. Es freute ihn, dass die Natur sich wieder einmal mit aller Macht bemerkbar gemacht und den Menschen präsentiert hatte, wer Herr und Meister ist. Es
war eines jener überstarken Gewitter gewesen, wie sie in letzter Zeit
immer häufiger auftraten. Aus buchstäblich heiterem Himmel, vom
Wetterdienst im Radio unscheinbar angekündigt, war es über die
Wirklichkeit des Stadtlebens von Zürich hereingebrochen. „Gut,
hat die Natur wieder einmal ihre Kraft gezeigt, vielleicht werden die
Menschen so doch noch einmal vernünftig“, murmelte Meier vor sich
hin. „Nichts“, antwortete er etwas zu laut und zu rau auf das „Wie
bitte?“ des geflissentlich fragenden Polizisten, der schon gemeint
hatte, er habe eine wichtige Frage oder gar einen Befehl nicht
verstanden. „Hab bloss mit mir selber gesprochen. – Dieses Sauwetter
wieder heute“, fügte Meier noch mit einer versöhnlichen Stimme hinzu
und fragte gleich: „Und, haben Sie schon etwas Handfestes ausser der
Leiche dort?“ Danach reden wieder alle ganz betroffen von den
Millionenschäden, die das Gewitter verursacht hat und rechnen sich
insgeheim doch nur aus, was sie bei der Versicherung herausschlagen können.
Auch die Naturschäden sind zu einem Produkt der Wirtschaftlichkeit
verkommen, ein PR-Gag der Versicherungen sozusagen, dachte er noch,
bevor er zur Leiche schritt:. Es
schüttelte ihn wohlig und er reckte sein Gesicht der frischen Luft
entgegen. Er atmete tief ein. Fast hätte er ob der angenehm gereinigten
Sommerluft vergessen, warum er hier war. Doch die trockene
Polizistenstimme der anwesenden Streife sog ihn gleich wieder in die
Wirklichkeit zurück: „Wir haben noch nichts angerührt. Die Leiche
lag so wie sie jetzt da liegt unter dem Baum.“ Seine
Kollegin nickte dazu ganz aufmerksam, als wäre sie bei einer Diskussion
dabei und zeigte mit der Hand auf den weissen nackten Körper, der mit
Hagelkörnern und zerschlagenen Blättern halb bedeckt war. Dann wies
sie auf die anwesende Frau und sagte: „Diese junge Frau hat uns auf
der Strasse angehalten, als wir hier vorbeifuhren. Sie hat die Leiche
entdeckt.“ Die
Zeugin sass zusammengekrümmt und verstört auf einer nahen Bank und
schien gar nicht richtig anwesend zu sein. „Gut“,
sagte Meier, „ich werde mich später um sie kümmern und sie befragen.
Schauen wir uns erst mal das Baby hier aus der Nähe an.“ Grosse
Regentropfen fielen vom Baum herunter direkt auf Meiers Glatze und
rannen ihm von dort übers Gesicht und in den Kragen hinein, als er sich
zur Leiche hinunter bückte. Sie rochen gut, diese frischen grossen
Regentropfen. Meier genoss es. Er wischte sich das Gesicht. Der
Anfang war mir eigentlich ganz gut gelungen. So muss ein guter Krimi
daherkommen. Der auf Spannung getrimmte Konsument verlangt das vom Erzähler.
Ein schneller Anfang, eine kurze Charakterisierung der Hauptperson, am
besten gleich in Aktion, so dass der Leser begierig darauf ist, zu
wissen, wie es weitergeht. Ein spannender Krimi als Ersatz für die
eigene Leere und Langeweile im Alltag gewissermassen. Doch
dann kam ich einfach nicht mehr weiter. Die Frage, die mich immer wieder
beschäftigte: Wie kann ich ein anspruchsvolles Buch schreiben, das
einerseits meinem geistigen Bedürfnis und andererseits der auf Spannung
getrimmten Leserschaft genüge tut? Wie soll der Krimi weitergehen? Denn
es sollte um mehr gehen, als um die platte Aufdeckung eines alltäglichen
Mordes, um mehr als ein Beziehungsdelikt, auch um mehr als um ein
Familiendrama oder einen Mord im Drogen- oder Rotlichtmilieu und dessen
skandalöse Verstrickungen in der Gesellschaft. Trotzdem aber sollte es
ein spannender Krimi werden, wo es gleich zu Beginn eine Leiche gibt,
der Kommissar und die Kriminalfotografen auf den Plan treten, die Leiche
vom Polizeiarzt obduziert wird und aus der Obduktion erste Schlüsse bezüglich
Zeit und Tatwaffe gezogen werden können. Es sollte ein richtig
klassischer Krimi mit einer logischen Folge von Szenen werden, die es
mir als Autor leicht machen würden, die Geschichte weiterzutreiben und
weiterzuspannen, bis sie in einem spektakulären Ende aufgelöst würde. Ich
hatte zuerst vor, den Mörder, respektive dessen Hintermänner, in den
internationalen Verflechtungen von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und
organisiertem Verbrechen, ja, dem Rechtsstaat und seinen Organen selbst,
der Polizei und den Gerichten anzusiedeln. Damit wollte ich zeigen, dass
die Verantwortlichen und die wirklichen Verbrecher diejenigen in den
weissen Westen sind, die vor laufender Kamera lauter schöngeistiges und
politisch korrektes Zeug zusammenplappern und im Hintergrund die Fäden
zu ihrer Macht und Geldgier ziehen. Ich glaubte in meinem
missionarischen Eifer, ich müsste die Gesellschaft auf Gefahren
hinweisen und als autonomer Schriftsteller durch die Aufzeichnung der
Wahrheit ein Minimum an politischem Einfluss ausserhalb der
parlamentarischen und kulturellen Kreise geltend machen. Nach
und nach aber wurde mir bewusst, dass dieses Krimi-Schema längst
abgedroschen, dass dieses Drama in jeweils etwas abgeänderter Form
schon x-mal abgespult und neu aufgelegt und verfilmt worden und den
Leuten zum Frass hin in die Bücherläden, ins Kino und in den Fernseher
geworfen worden war. In jedem Kriminalroman, der heute etwas auf sich hält,
sind doch die grauen Männer in den weissen Westen die Bösen, die sogar
noch im Dunkeln einen Schatten werfen. Die
Verstrickungen der internationalen Politik, der Wirtschaft und
Wissenschaft, der Mafia, der Banken, der religiösen und andern diffusen
Organisationen sind in der Realität sogar schlimmer als in jedem
inszenierten Krimi. Trotzdem ist es langweilig geworden, da dieses
Muster in den Büchern und Filmen längst Allgemeingut geworden ist. Es
gehört heutzutage zum guten Ton, die weltweiten Netze anzuprangern,
auch wenn die Leute, die Kultur produzieren, längst selbst Bestandteil
dieses Filzes sind. Eigentlich ist das ganze furchtbare Ausmass der
Korruption dem Hintersten und Letzten auf der Welt bekannt, so dass es
schon wieder langweilig wird, sich damit überhaupt noch zu befassen. Ich
entschloss mich deshalb, dieses Projekt fallen zu lassen und wollte, Mut
beweisend, eines der letzten grossen Tabus anpacken. In
diesem Sinne plante ich einen Roman, der in der Zukunft spielen sollte.
Und zwar wollte ich Parallelen der Vereinigten Staaten von Amerika zum Römischen
Reich aufzeigen. Dabei entwarf ich einen Plot, in dem in naher Zukunft
die amerikanische Demokratie von undemokratischen Kräften, durch einen
Staatsstreich abgeschafft werden würde. In den Vereinigten Staaten von
Amerika entstünde eine Diktatur. In Zusammenarbeit mit dem israelischen
Geheimdienst und den Strukturen des Weltjudentums und der UNO sollte
eine Weltdiktatur errichtet werden. Die
Schweiz sollte wie in den guten alten Zeiten des Zweiten Weltkrieges als
Drehscheibe ausländischer Geheimdienste und verdeckter internationaler
Zusammenkünfte im ruhigen Auge des Wirbelsturmes stehen. Die Leiche,
die im ersten Kapitel meines Romans in Zürich gefunden worden war, könnte
in diesem Zusammenhang ein internationaler Terrorist sein, der vom CIA
ermordet worden war. Mit meinem Politthriller wollte ich aufzeigen, dass
die Allianz zwischen den USA und Israel einer globalen Verschwörung
gleichkommt. Sogar Massenvernichtungen sollten wieder möglich werden.
Diesmal aber nicht an einem bestimmten Volk, sondern an der weltweit überflüssigen
Bevölkerung überhaupt. Den
Roman wollte ich irgendwann in der Zukunft, ungefähr im Jahre 2030
ansetzen. Die wirtschaftliche Entwicklung wäre zu dieser Zeit schon so
weit fortgeschritten, dass fast alle Arbeitsplätze wegrationalisiert
worden wären. Somit gäbe es viel zu viele Menschen, die nichts mehr zu
tun hätten. Breite Unzufriedenheit und grosse Unruhen entstünden. Die
elitären Kreise der amerikanisch-jüdischen Weltregierung müssten sich
etwas zur Entschärfung der Krise einfallen lassen. Anfangs würde noch
nach halbwegs vernünftigen Lösungen gesucht. Zuerst würde man das
Freizeitangebot erhöhen. Filmvorführungen und Shows aller Art würden
in grossen Massenveranstaltungen organisiert werden. Alles gratis
selbstverständlich. Dann würde man damit beginnen, Handys,
Stereoanlagen und allerlei digitalen Krimskrams an die Bevölkerung
abzugeben. In der letzten Phase würden sogar Drogen und Bordellbesuche
auf Staatskosten zugänglich gemacht werden. Das
funktionierte jedoch nicht. Die Menschen wollten befriedigende manuelle
Arbeit und damit einen Sinn im Leben zurückhaben. Sie liessen sich
nicht mehr so einfach mit brutalen Actionfilmen, geilen Pornos,
Tittenbars und viel Lärm um nichts abspeisen. Der global um sich
greifenden Unzufriedenheit wäre mit diesen Mitteln nicht mehr
beizukommen. Unruhen würden entstehen. Als die Unruhen immer grösser
und gewalttätiger werden würden, setzten sich die bösen Buben der
Weltdiktatur definitiv durch. Die Schrauben würden immer stärker
angezogen. Konzentrationslager würden gebaut werden. Gesetze, die es
den Machthabern erlaubten, die Menschen willkürlich zu verhaften und in
Lager zu stecken, würden erlassen werden. Doch das Chaos und die Gewalt
würden dadurch noch grösser werden. Die Menschen hätten einfach genug
und würden sich das alles nicht mehr gefallen lassen. Aufruhr und
Meuterei wären angesagt. Die
amerikanische Diktatur reagierte prompt. Unter der Federführung der CIA
würde ein Geheimstab zusammengestellt werden, welcher Pläne zur
Vernichtung aufständischer und überflüssiger Menschen auszuarbeiten hätte.
Ein Virus sollte kreiert werden, das über das elektromagnetische Feld
in einer bestimmten Frequenz ausgestrahlt werden sollte und welches nur
jene Menschen befiele, in deren Gehirn die Gleichschaltung der
Gesinnungsideologie nicht vollzogen worden wäre. Das Virus sollte also
auf eine bestimmte Konstellation im Gehirn, auf klar definierte Menschen
angesetzt werden, deren Träger innerhalb ein paar Sekunden tot
zusammenbrechen würden. Je
länger ich mich jedoch mit diesem Konzept befasste, desto mehr kam mir
die Idee absolut lächerlich vor. Vielleicht aber verliess mich bloss
der Mut, oder ich liess mich von der offiziellen proamerikanischen und
prosemitischen Propaganda in den dominanten Medien und der offiziellen
Geschichtsschreibung des Westens einschüchtern. Ich bekam es sogar mit
der Angst zu tun, dass ich, falls dieser Roman zustande käme, selbst
verfolgt und zu einem Opfer des amerikanischen oder israelischen
Geheimdienstes werden könnte. Trotz der viel gepriesenen Meinungs- und
Pressefreiheit und obwohl ich in der Schweiz und nicht in Russland oder
in Südamerika wohnte, machte mich meine Paranoia selber zum ersten
Opfer meiner fiktiven Verschwörungstheorie. Der geistige Virus meines
Krimis hatte mich dermassen angesteckt, dass ich das Vorhaben wieder
aufgab. Aus
diesem Grunde musste ich mich neu orientieren. Ein neuer Plot musste
her.
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