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Das Buch: Erich Sägebrecht, eben erst zurück aus Asien, sitzt einen Tag lang vor dem Café Odeon in Zürich, unterbrochen von einem kleinen Spaziergang in der Stadt, sich seiner beiden Begegnungen erinnernd, die er auf seiner einmonatigen Reise gehabt hat. Da sind einerseits die philosophischen und politischen Monologe und Ausbrüche von Hintersax, der sich in Sägebrechts Erinnerungen und Bewusstsein redet; Hintersax, der sich mit seiner IV-Rente nach Thailand abgesetzt hat, da er in der Schweiz nicht mehr leben kann, wie er selbst sagt, aber auch weil er an der totalen und flächendeckende Akademisierung der Gesellschaft leidet; er wettert über die westlichen Frauen genauso wie über die Gewinnmaximierungen des monotheistischen Kapitalismus und über die allgemeine Verluderung der Handy-, Gratiszeitungs- und Werbe-Gesellschaft. Auf der andern Seite sind da die Bekenntnisse Flüggers, eines scheiternden Schriftstellers, der auf den Philippinnen verzweifelt versucht, seine geistig-philosophische Autobiographie zu schreiben, aber eingesehen hat, dass das Schreiben für ihn bloss noch ein Ersatz für das Leben ist und trotzdem nicht davon loskommt. Sägebrecht war unterwegs, weil er zusammen mit Hohl einen Dokumentarfilm über sogenannt schräge Typen, die nach Asien ausgewandert sind, drehen will. Doch je länger der Tag auf der Terrasse des Odeon andauert, je länger er von den Gesprächen der beiden Charaktere in Beschlag genommen wird, desto mehr zweifelt er an seiner Absicht einen Dokumentarfilm zu drehen. |
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THOMAS MOSER Café Odeon
COPYRIGHT © by eingeboren.ch SEPTEMBER 2010
Im Sommer 2010 schreibt Erich Sägebrecht, während ich vor dem Odeon sitze und die Leute beim Vorbeigehen beobachte und ihnen nachschaue und indessen an Hohl denke, mit dem ich heute Nachmittag um vier Uhr eben hier im Odeon abgemacht habe, geht er mir schon wieder furchtbar auf die Nerven, obwohl es erst am Morgen gegen zehn Uhr ist und ich bereue es schon wieder, überhaupt mit ihm abgemacht zu haben, frage mich zum wiederholten Male, wieso ich ihn überhaupt noch treffe, was denn an ihm für mich so anziehend sei. Denn irgend etwas an ihm müsste ja anziehend sein, sonst würde ich mich nicht ständig mit ihm treffen, sage ich mir, obschon nichts an ihm anziehend und sympathisch ist, denke ich. Auch sein Atmosphärisches, seine ganze Ausdünstung, sein Geruch, seine emotionale Ausstrahlung ist abstossend. Dieses ständige Bemühen Hohls, am Stammtisch oder bei Einladungen und bei gesellschaftlichen Anlässen, sich immer gleich als abgeklärter und gut informierter Zeitgenosse in den Vordergrund zu drängen, wenn es um allgemeine gesellschaftliche, gerade in den Medien behandelte, Themen geht. Dieses Ansinnen von ihm, immer und überall und über alles genau Bescheid wissen zu wollen, alles schon vorher gewusst zu haben, es ja habe kommen sehen. Dazu kommt das Altklug-Chauvinistische, so zu tun, als ob man ihm nichts mehr beibringen, als ob niemand ihm das Wasser reichen könne, wenn es um Informiertheit und die Interpretation und das korrekte Einreihen der Tatsachen in ein vernünftiges Weltbild geht; seine Art, sich wichtigtuerisch auf seinem Stuhl oder Sessel zurückzulehnen, dabei seine plumpen Weisheiten mit einer jovialen Handbewegung gleich wieder wegzuwischen, als wäre es ja klar, dass alles genauso sei, wie er es gesagt habe. All diese Charakterzüge gehen mir bei Hohl dermassen auf die Nerven, dass ich mich wirklich fragen muss, was denn mit mir nicht in Ordnung ist, dass ich weiterhin mit ihm verkehre. Er tut immer so, als wisse er über die Faktenlage genau Bescheid und wisse zudem, welche Schlüsse daraus zu ziehen seien, welche Konsequenzen dies und jenes nach sich ziehe, überhaupt, dass er in der Lage sei, die gesellschaftlichen Vorkommnisse, die Nachrichten und Neuigkeiten über Wissenschaft, Politik und Gesellschaft einzureihen in ein aufgeklärtes Weltbild, deren Wortführer er sei; kurz, er tut immer so, als ob er den totalen Durchblick habe und die politischen und gesellschaftlichen Vorkommnisse voraussehen könnte. Dabei ist er alles andere als aufgeklärt und gut informiert. Er verfügt weder über Klarheit noch über fundierte Informationen, zudem ist er auch nicht sonderlich hell, weder im Geist noch im Charakter. Im Gegenteil, sein Wesen ist düster und dunkel, negativ geprägt von einem negativen Schicksal, mit einem stark depressiven Zug, der alle Anwesenden mit einem düsteren und dunklen Tuch zuzudecken in der Lage ist. Jedes Mal, wenn er auftaucht, verdüstert sich meine Stimmung und die Stimmung anderer Anwesenden im Nu. Die ganze Umgebung scheint von einem Moment auf den andern wie unter einem schwarzen Schleier zu erstarren, kaum dass er auf der Bildfläche erschienen ist. Zudem hat er bei näherem Hinschauen von nichts eine Ahnung, vermischt und verwechselt die Fakten und interpretiert sie willkürlich, je nach Opportunität. Er gibt sich bloss den Anschein von Aufgeklärtheit. Hohl müsste einem leidtun, ginge er einem nicht total auf die Nerven. Er steht dem differenzierten und auch dem humoristischen Denken und Sprechen dauernd im Weg, indem er die Anwesenden für seine dumpfen und humorlos egozentrischen Zwecke vereinnahmt. Er steht immer zuvorderst und führt grosse Reden, dabei übertönt er die geistreicheren Argumente der anwesenden Gesprächspartner aufs Übelste und würgt somit jedes Zustandekommen von Dialog, Diskurs und angenehmer Unterhaltung mit seinen rigiden Handbewegungen und seiner laut dazwischenfahrenden Stimme ab, würgt so jedes vernünftige Gespräch von vorneherein ab, so dass er die Anwesenden mit den scharfsinnigeren und differenzierteren Argumenten auf die Seite redet. Dieser Charakter verunglimpft, wo er nur kann, schlägt die aufkeimenden, helleren Gedanken bei jeder sich bietenden Gelegenheit tot und stellt sie in seinen dunklen Schatten. Dieser Typus ist durch seine lauten, den Moment ausnützenden und beherrschenden, keine Widerrede duldenden Reden oft so überzeugend, dass es ihm immer wieder gelingt, alle Anwesenden zurückzusetzen. Zudem macht er vor Verleumdungen nicht halt, gibt interessante Einwände seines vermeintlichen Gegners durch düsteren Zynismus einer allgemeinen Lächerlichkeit preis, indem er sie ausserhalb des Kontextes nachäfft. Da dieser Charakter die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, alles über einen Leisten schlägt, keinen Widerspruch duldet, vermag er sich in zufällig zustande gekommenen Gruppierungen in der Öffentlichkeit, in Restaurants und an Stammtischen immer wieder Respekt und Ansehen zu verschaffen, wenn auch nur für kurze Dauer, was jedoch meistens genügt, um die helleren Geister zu vertreiben und eine wirklich sachgemässe Diskussion und angeregte Unterhaltung zum Vorneherein zu vereiteln. Dahinter steht gewissermassen eine anti-sokratische Haltung, eine arrogante Überschätzung seiner selbst, zudem eine Überschätzung des Wissens an sich, eines angeblichen Wissens, wo es nichts zu wissen gibt. Dieser Scharlatanismus, dieses Vorspielen von Wissen, ist heutzutage gewissermassen zum Fundament der gesamten Gesellschaft avanciert. Diese Geisteshaltung hat flächendeckend alle sozialen Bereiche überwuchert und hat die bescheidene sokratische Weisheit verdrängt. Die Art, des sich über andere Stellens, hat die Bescheidenheit nicht nur verdrängt, sondern denunziert sie darüber hinaus als Dummheit. Dieser Scharlatanismus, der mittlerweile alle Bereiche der Gesellschaft, der akademischen sowie der nichtakademischen, heimgesucht und überwuchert hat, das Vorgeben zu wissen, wo man nichts weiss und nichts wissen kann, dieser Scharlatanismus, der den bescheidenen, den einfachen Menschen und seinen klaren Geist, welcher weiss, dass er nichts weiss, mit Gewalt und trivialem Halbwissen verdrängt, den klaren Geist sozusagen an den Abgrund stösst und ihn letztlich auszurotten trachtet, dieser Scharlatanismus, der sich immer und überall, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Gewalt und dummdreisten Argumenten durchsetzt, ist absolut gefährlich, er übertrifft sogar den Totalitarismus der Nazis und der Stalinisten, indem er ihn umgeht. Dieses arrogante Vortäuschen von Wissen tötet nicht bloss die Schöpferkraft des kreativen Geistes, welcher eine suchende und geheimnisvolle Haltung gegenüber den Phänomenen des Lebens und der Welt besitzt, sondern, und was noch viel schlimmer ist, diese Arroganz gegenüber dem Nichtwissen und dem Nichtwissen-Wollen, weil man nicht wirklich wissen kann, rottet letztlich auch den Menschen selbst aus. Dieser akademistische Terror grassiert heutzutage auf allen Ebenen der Gesellschaft, ist bis in die kleinsten Abläufe des alltäglichen sozialen Getriebes hinein aktiv und rottet nebst der mystischen und kontemplativen Anschauung der Welt, jene beiden Bereiche des menschlichen Seins, die den Menschen endlich zum Menschen machen, auch den sogenannt gesunden Menschenverstand aus. Ob jemand mit Gas oder Pulver, mit Schwert oder Feuer ausgerottet wird oder mit Worten und hanebüchenen Theorien, hat letztlich den gleichen Effekt. Derjenige der mit erschlagenden Worten und hirnrissigen Theorien bombardiert wird, geht letztlich gleichermassen zu Grunde, wie derjenige, der von wirklichen Bomben heimgesucht wird. Sokrates musste den Giftbecher nehmen, weil seine Bescheidenheit, sein Eingeständnis nichts zu wissen und gleichzeitig sein Humor, eine Gefahr für die Macht und das vorgeschützte Wissen der machtbesessenen Despoten, hinterhältigen Betrüger und schleimigen Heuchler war. Aus dem gleichen Grund muss das sokratische Individuum auch heute noch, wenn es offen zu seinen Ansichten steht, und vor allem, wenn es sie lebt, den Giftbecher nehmen. Es gibt viele Arten Giftbecher zu mischen, sie zu verschreiben, zu reichen und den Verurteilten zu zwingen, ihn zu trinken. Mittlerweile haben sich ein paar Stammgäste im Odeon eingefunden, die sich gegenseitig ignorieren und anschweigen. Sie sitzen gelangweilt draussen an den Tischchen vor ihrem Kaffee, lesen Zeitung oder schauen wie ich den Passanten nach. Ich habe mir extra eine Sonnenbrille aufgesetzt, damit kein Augenkontakt mit diesen Platzhirschen aufkommt und ich mich mit ihnen nicht in ein Gespräch verwickeln lassen muss. Bobby, ein Rentner und Kettenraucher mit auffällig breiten Hosenträgern über dem Hemd, die er immer und überall trägt, sie viel mehr zur Schau stellt, ist immer einer der ersten am Morgen. Er sagt bei jeder sich bietenden Gelegenheit von sich selbst, dass er der grösste Charmeur sei hier im Odeon und meint es erst noch ernst. Je länger er diese dumme Aussage je mehr Leuten gegenüber zum Besten gibt, desto mehr wird er von den andern gemieden. Mit zittrigen Fingern zieht er eine Menthol Zigarette nach der andern aus der grünen Packung und ruckt und zuckt und guckt mit seinem Kopf wie ein Gockel in die Runde und gluckert dazu wie eine alte Henne, immer nach einem Opfer Ausschau haltend, das er von seinem Charme überzeugen kann. Ich beachte ihn nicht weiter und schaue wieder den Leuten zu, insbesondere den zahlreichen Frauen, die hier vor dem Odeon vorbeidefilieren. Nach kurzer Zeit lässt meine Aufmerksamkeit nach und während ich durch die Vorbeigehenden hindurchsehe, erinnere ich mich an Hintersax, den ich letzten Monat in Thailand angetroffen habe und wie angeworfen überfällt mich im Geiste eine seiner oft vorgetragenen Monologe. Der Kapitalismus sei tot, so Hintersax an einem Strand auf einer Insel in Thailand, auf einer Hängematte zwischen zwei Kokospalmen baumelnd, der Kapitalismus sei nicht mehr zu retten, nicht in dieser Form wie er heute funktioniere, das habe er schon immer gesagt. Obwohl er selbst recht gut vom kapitalistischen System lebe, sogar davon profitiere, im Gegensatz zu den meisten Leuten, die an den Kapitalismus glaubten, ihn als unumstösslich sähen. Die einen würden ihn als Naturgesetz verstehen, andere als Gottes Gesetz, je nach Glaubensrichtung. Die Menschen verstünden den Kapitalismus und seine Gesetze als etwas Gegebenes und Gesetztes, nicht als etwas Gewachsenes und Indoktriniertes. Gerade jene braven und willigen Schäfchen, Ironie des Schicksals, die an den Kapitalismus als unumstössliche Wahrheit glaubten, jene, die für das Kapital arbeiteten und brav ihre Versicherungen und Rentenraten einzahlten, gerade diese Leute würden in Zukunft geprellt werden, gerade jene würden dereinst nicht mehr von ihrer Früchte Arbeit, wie man so sagt, profitieren, weil zu viele Pensionskassen zu viel Geld gewinnbringend anlegen müssten. So viele sogenannt sichere Anlagen könne es gar nicht geben, wie anzulegendes Geld im Umlauf sei, so viele Tripel-A Anlagen gäbe es nicht, um die ganze Welt zur sorglosen Mittelklasse mit gesicherten Renten zu machen. Das sei rein rechnerisch, also rein physikalisch, auf die Dauer gar nicht möglich, auch wenn die Anlagestrategien noch so seriös kommuniziert und in Vierfarbprospekten daher kämen. Im Grunde genommen sei alles Lug und Trug. Es gehe zu wie bei illegalen Schneeball-Investitionsspielen, wo man an die Obersten auf einer Liste einen gewissen Betrag einzuzahlen habe und man dadurch selber auf der Liste auf den untersten Platz gesetzt werde, genau so funktioniere unser Rentensystem. Hier wie dort würden immer bloss die ersten, die dabei gewesen seien und die zum Teil nicht einmal korrekt einbezahlt hätten, zu den Gewinnern gehören. Er habe das schon immer gewusst, habe die Botschaft auch immer wieder und überall fast schon missionarisch verbreitet und an seine Mission geglaubt und habe gemeint, er müsse die Leute aufklären, sie aufrütteln, sie eines Besseren belehren. Als er in der Folge immerzu nur angeeckt sei, man ihn nicht einmal ernst genommen habe, ihm gar nicht erst zugehört habe und gar nicht auf seine Argumente eingegangen sei, habe er mit der Zeit gemerkt, dass es weder Sinn noch Zweck mache, seine eingebildete, revolutionäre Rolle weiterhin zu spielen, dass es keinen Sinn habe, mit den braven Schäfchen überhaupt noch zu reden. Da habe er sich gesagt, dass es besser sei, statt als unbeliebter Prophet unterzugehen, sich einfach nach Thailand abzusetzen, sich ins globale Rentner-Paradies zurückzuziehen und sich ein angenehmes Leben zu machen, so Hintersax auf seiner Hängematte mit einem Bier in der Hand. Die Leute seien ja so was von brav und glaubten alles, was man ihnen sage, glaubten nicht nur alles, sondern gehorchten darüber hinaus auch noch. Wenn bei einem Konjunkturaufschwung die Wirtschaftszentralen über die Medien die Information streuten, es brauche mehr Informatiker, dann studierten sie brav Informatik. Wenn sie dann mit dem Studium fertig seien, habe der Konjunkturzyklus längst gedreht. Statt eines Jobs als Informatiker zu bekommen, würden sie dann zum Beispiel Biologie studieren, weil das gerade als zukunftsträchtig angepriesen werde. Die Leute liessen sich total verarschen. Er kenne Leute, denen sei bis drei Mal gekündigt worden und die hätten immer wieder eine neue, vollständig andere Ausbildung gemacht. Die vom Staat und der Wirtschaft kolportierte Devise heisse in diesem Zusammenhang: lebenslanges Lernen. Lebenslanges Lernen, das sei ja zum Lachen. Natürlich würden wir alle lebenslang lernen, aber das, was die lebenslanges Lernen nennen würden, sei bloss eine lebenslange Verarschung und Züchtigung. Oder von mir aus auch Selbstzüchtigung, wie die Selbstkontrolle im Tram, fügte Hintersax noch zynisch grinsend hinzu. Er habe schon in den achtziger Jahren gemerkt, als die obligatorischen Pensionskassen eingeführt worden seien, dass man auf lange Zeit hinaus am besten fahre, wenn man auf dem sogenannten Existenz-Minimum verharre, so dass kein Geld für die Pensionskassen abgezogen werden würde. Viele Leute hätten ihn kopfschüttelnd bemitleidet und gefragt, was er denn später einmal ohne Rente machen würde. Er habe das Spiel von Anfang an durchschaut, habe klar gesehen, dass das nicht aufgehen könne und dass die Leute über den Tisch gezogen würden. Den Arbeitenden werde jeden Monat Geld abgezogen und in eine sogenannte Pensionskasse versenkt. Diese Kasse müsse rentieren und würde in grossen Mengen in Immobilien investieren. Dadurch würden die Immobilien teurer und als Folge davon auch die Mieten. Da die meisten Arbeitnehmer in eben diesen Mietwohnungen wohnten, bezahlten sie gleich doppelt, einmal durch das abgezogene Geld, dann wieder durch höhere Mieten. Schliesslich ginge noch der Arbeitsplatz verloren oder die Pensionskasse mache infolge einer Immobilienblase Pleite, so dass sie auch noch ausziehen müssten und obdachlos würden. Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre es zum Lachen. Kapitalismus, Konjunktur, Konsum, Investition, Rendite, dass ich nicht lache, so Hintersax in seiner Hängematte, erinnere ich mich vor dem Odeon sitzend und die Leute beobachtend. Inzwischen ist Sepp, ein pensionierter Primarschullehrer, eingetroffen. Er hat extra ein Tischen Abstand zwischen sich und Bobby gelassen, damit er sich nicht mit ihm unterhalten muss, denke ich, obwohl beide jeden Tag hier sind. Er verkriecht sich wie immer hinter dem Tages-Anzeiger. Kommt man mit ihm ins Gespräch, fängt er jeweils bald über die Zustände heutzutage zu wettern an. Er ist geizig bis zum Anschlag. Er spare, damit er sich später einmal, falls nötig, einen extra guten Arzt, einen Spezialisten, leisten könne. Dabei bekommt er als ehemaliger Staatsbeamter sicher eine anständige Rente und ist sicher auch sonst gut versichert, denke ich vor dem Odeon sitzend und ihn beobachtend. Kein Wunder, dass sich diese ganze hingehaltene Glaubensgemeinschaft immer und überall mit MP3 Playern gegen aussen abschottet, so Hintersax auf seiner Hängematte vor einem Monat in Thailand. Mit Handy, MP3 und Computer beschäftigt, verabschiedet sich der Zeitgenosse von der Aussenwelt und koppelt sich ab. Sogar wenn sie im Zug von der Arbeit oder der Schule nach Hause fahren, entspannen sie sich nicht etwa, führen auch keine Gespräche mit ihrem Nachbarn, sondern haben noch Unterlagen dabei, die sie studieren, sei's für die Arbeit oder für die Weiterbildung. Das ist brav von ihnen, wie sie sich durchschleusen lassen und glauben, es komme auf sie darauf an, sie seien wichtige Mitglieder der Gesellschaft. Für die Steigerung des Bruttosozialproduktes geben sie ihre ganze Zeit, ihre Identität, ihre Seele und ihr Leben. Grotesk finde ich in diesem Zusammenhang aber, dass trotz ihres vollen Einsatzes immer grössere Wirtschaftskrisen im Anzug sind. Oder etwa gerade deswegen? Könnte es sein, dass die immer schwereren Krisen gerade wegen des vollen Einsatzes des Arbeitnehmers ausgelöst werden, gerade weil die Arbeitnehmer ihr Äusserstes geben? Gibt es Finanzkrisen, gerade weil sich der Arbeitnehmer als Mensch aufgegeben hat und nur noch für die Wirtschaft lebt, nur noch für die Gewinnmaximierung funktioniert und dabei nichts als Scheisse produziert? Gibt es Wirtschaftskrisen, weil der Mensch an sich nicht mehr existent ist, sondern bloss noch als Auszubildender und Arbeitnehmer, als Konsument und Verbraucher, als Versicherungsteilnehmer, Krankenkassenprämienzahler und Steuerzahler existiert? Bald kommt die totale gesellschaftliche Depression, das totale gesellschaftliche Burn Out, so Hintersax, letzten Monat auf seiner Hängematte, während er genüsslich einen weiteren Schluck aus seiner Flasche trank. Ich stehe auf, gehe kurz ins Café hinein, um mir eine Zeitung zu holen, komme zurück und setze mich wieder. Doch die Nachrichten interessieren mich nicht, Hintersax ist stärker und überlagert in meinen Gedanken die Tagesaktualitäten. Ich schaue weiterhin den Passanten beim Vorbeigehen zu, während Hintersax wieder das Zepter in meinem Geist übernimmt. Die Frage, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigt: Kommt die Depression und das Burn Out vom abstrakten Denken? Ich denke, so Hintersax, wenn unser Weltbild seit der Aufklärung ein abstraktes, ein durch Zahlen und Fakten sogenannt objektiviertes Denken geworden ist, wo die eigene Erfahrung vom beglaubigtem Wissen getrennt und abgekoppelt wird und deswegen das direkte Erlebnis mit sich und dem Leben zweitrangig wird, dann ist es verständlich, wenn der auf das Primat der Zahlen und die Abstraktion getrimmte Zeitgenosse in eine Depression fällt. So gesehen ist das platonische Denkmodell, welches die Welt von der Welt abstrahiert und mit der Idee ersetzt, die Voraussetzung zur Depression. Weil die Abstraktion als unumstössliches Faktum gesetzt ist, wird das Eigenerlebte zweitrangig, sogar als fragwürdig angesehen und daraus entsteht für den Einzelnen Kummer und Verzweiflung. Das Medikament zur Vertreibung der Krankheit wäre demnach ein Leben jenseits von Zahlen, Fakten und Vorstellungen, wäre ein Leben der Tat, ein direktes, schon fast animistisches Leben mit den Phänomenen der Natur. Viele Zeitgenossen suchen aus dieser Ohnmacht heraus den Sinn ihres Lebens ausserhalb des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Sachzwangs. Zum Beispiel, so Hintersax weiter, gibt es Aktivisten in der Schweiz oder auch anderswo, die rufen zu Protesten gegenüber der brasilianischen Regierung auf, wegen eines Staudamm-Projekts in Brasilien. Das nennen sie internationale Solidarität. Doch dem Wilden in mir, steht das Wasser auch in der Schweiz längst bis zum Hals, dazu brauche ich keinen Indianer aus dem Dschungel. Ich bin empört, dass man meint, man könne gegen das Primat der Wirtschaft vorgehen, indem man international solidarisch ist und für die sogenannten Naturvölker in Brasilien kämpft, statt etwas gegen die wirtschaftliche Flutung der Schweiz zu unternehmen, die immer höher steigt und immer bedrohlicher wird. Immer mehr wird die Natur auch in der Schweiz verschandelt und zurückgedrängt, dazu brauche ich keine Projektion auf einen brasilianischen Staudamm. Immer mehr Firmen und Kapital drängen in die gut funktionierende Schweiz, immer schneller dreht sich das Rad der Effizienz. Deswegen braucht die Wirtschaft immer mehr Arbeitskräfte, sogenannt gut ausgebildete, qualifizierte Fachleute. Wir Schweizer können die Nachfrage der globalisierten Wirtschaft mit unserer Arbeitskraft längst nicht mehr befriedigen, können den Anforderungen der immer grösser werdenden Wirtschaftsflut längst nicht mehr gerecht werden. Deswegen braucht es ausländische Arbeitskräfte, um die Nachfrage der Wirtschaft zu befriedigen. Deutsche vor allem, Deutsche, die schon immer, wenn irgendwo nach Effizienz und Durchhaltewillen, nach Steigerung der Produktion geschrieen worden ist, am effizientesten funktionieren. Nichts anderes als ein Krieg ist die dauernde Beschleunigung der Wirtschaft. Ein Krieg gegen die Natur, ein Krieg gegen den Menschen, ein Krieg gegen den Indianer im Menschen. Und die Schweiz ist zu einem Hauptquartier, zu einer Kommandozentrale dieses Wirtschaftweltkrieges verkommen. Die Schweiz aber vermag nicht genügend Soldaten zu produzieren, welche die Gier dieses Wirtschaftskrieges befriedigen könnten. Deswegen braucht es immer mehr Leute von aussen, vor allem aus Deutschland, die hier das Land und die Städte mit ihrem geschliffenen und effizienten Durchhaltewillen überfluten, mit dem Willen zur Karriere, dem Willen zur Macht, dem alles andere unterzuordnen ist, dem alles andere weichen muss. Dem Gott des beschleunigen Bruttosozialproduktes wird alles geopfert. Der Deutsche als Opferpriester hofft, sich selbst an die Spitze der Beschleunigungshierarchie zu katapultieren. Wie im Krieg drängt es ihn in die Hierarchien, wo man gehorchen und befehlen muss, um vorwärtszukommen. Wie im Krieg unterwerfen sie sich nach oben hin und teilen nach unten aus, in der Hoffnung, eines Tages an der Spitze, sozusagen im Wirtschaftswunderparadies anzukommen. Leider denkt der durchschnittliche linke Zeitgenosse immer noch, wenn man für die Indianer in Brasilien einstehe, man gewissermassen als Unterschriften sammelnder Söldner an weit entfernten Fronten kämpfe, gehöre man zu den Guten, und wenn man für den eignen Indianer in sich selbst, also im eigenen Land für die eigene Sache kämpfe und die Probleme hier beim Namen nenne, gehöre man zu den Bösen, sei ein Rassist, ein Deutschlandfeind, ein Wirtschaftsfeind, ein Feind des Wohlstandes und ein Feind des guten Anstands. So denkt der heutige politisch korrekte Mensch. Das ist die Wahrheit. Mir als Schweiz-Indianer steht das Wasser in Zürich längst bis zum Hals. Dies mitunter ein Grund, warum ich nach Thailand geflüchtet bin. Sogar der WWF reflektiert jetzt das allmächtige Weltbild der Wirtschaft. In ihrem neuesten TV-Spot arbeiten die Bienen fleissig für uns Menschen, produzieren Honig für uns Menschen, deswegen wir sie also zu schützen haben. Wir müssen die Bienen schützen, so inzwischen die Logik des WWF, weil sie fleissig sind wie die Deutschen, weil sie arbeiten, weil sie für uns, also für den Menschen, für die höhere Ordnung gewissermassen, arbeiten. Wir müssen die Natur, also ihren Arbeitsplatz schützen, damit die Bienen nicht arbeitslos werden, damit sie weiterhin für uns arbeiten und Honig produzieren können. Der WWF-Kolonialherr hat gewissermassen die Bienen unter Vertrag, sie sind von ihm für die Produktion des Honig-Machens angestellt. Der WWF als Privatbankier der Bienen, so Hintersax in seiner Hängematte. Bobby und Sepp haben nun doch ein Gespräch miteinander angefangen. Beide müssen sich dazu etwas über das zwischen ihnen stehende Tischchen lehnen, damit sie sich besser hören können, weil der Motorenlärm von der Strasse beträchtlich ist. Ich nehme nun die Zeitung zur Hand, schlage sie auf, überfliege kurz ein paar fettgedruckte Absätze, ohne jedoch wirklich dahinterzukommen, was ich lese und höre statt dessen Hintersax zu, was er mir letzen Monat zu sagen hatte. Aber es gibt keine Privatfinanzierung, Bienen und WWF hin oder her, so Hintersax. Es gibt im Grunde genommen nur das kapitalistische System der Nationalökonomie. Die persönliche Raffinesse und vor allem die Herkunft entscheiden darüber, ob und wie man an eine der Zapfsäulen des Systems gelangt, um mit dessen Energie auf den Strassen der modernen Gesellschaft fahren zu dürfen. Die Herkunft, die guten Beziehungen und die eigene Raffinesse entscheiden, wo, wann und wie man fahren darf. Es ist nicht die vielgerühmte persönliche Leistung, wie viele glauben. Die eigene Leistung wird weder bemerkt noch anerkannt, wenn die Raffinesse und die Beziehungen fehlen. Finanziert wird das ganze System von den Banken respektive von den Staaten mit ihren Notenbanken. Wie wir erfahren haben, sind die Banken nicht mehr in der Lage, die Kredite zu verwalten, damit die Buchhaltung, also das System, ausgeglichen bleibt. Der Staat und die Notenbanken müssen einschreiten und mit Krediten aushelfen, damit das System nicht zusammenbricht, damit die Banken und ihre reichen Kunden ihr Geld respektive ihren Einfluss und ihre Macht nicht verlieren. Der Staat mit den Notenbanken ist letztlich der Träger dieses kapitalistischen Systems und garantiert den Reichen und der Oberschicht ihre Macht, ihren Reichtum und ihren Einfluss. Insofern können die Vermögenden nicht mehr auf ihre eigene Leistung in einer neoliberalen Wirtschaftsordnung pochen, wenn es darum geht, ihren Reichtum zu rechtfertigen. Während die einen Zugang zum Kapital haben, muss der gutgläubige Arbeitnehmer der Mitteklasse sich und seiner Umgebung immer etwas vormachen. Man muss so tun, als wäre man mit seiner Arbeit zufrieden, als sei man gut integriert. Gebetsmühleartig muss man stets wiederholen: Es geht mir gut, ich habe einen super Job, die Frauen respektive die Männer können mir einfach nicht widerstehen, meine Vorgesetzten oder meine Untergebenen und Mitarbeiter finden mich super und meine Rente ist gesichert; ich bin für die Menschenrechte, für eine gerechte und soziale Welt, ich bin für immer grössere Motoren und auch für immer grössere Kinderwagen, ich bin für die Armen in Afrika und für die Rechte der Frau, ich bin für höhere Renten und für kleinere Sozialabgaben und auch für niedrige Steuern und die Senkung der Krankenkassenprämien; ich bin rundherum positiv eingestellt, mit Miesmachern habe ich nichts am Hut, für mich ist kein Ding unmöglich, deshalb kann und darf ich von mir sagen, es geht mir gut, so Hintersax letzten Monat auf seiner Hängematte. Ich hatte in Asien vorgehabt, einerseits ein paar Wochen Ferien zu machen und andererseits das Terrain für ein Projekt vorzubereiten und Ausschau nach originellen Schweizern zu halten, die in Thailand und auf den Philippinnen leben. Hohl und ich hatten vor, einen Dokumentarfilm über diese Leute zu drehen. Hintersax habe ich zufälligerweise in Koh Chang kennen gelernt, als ich an einem Morgen am Strand an seinem Bungalow vorbeiging, wo er gerade in seiner Hängematte lag und das Geschehen am Strand beobachtete. Da wir beide Schweizer sind, kamen wir schnell miteinander ins Gespräch. Hintersax erwies sich als offen und redselig, als hätte er gerade auf jemanden wie mich gewartet. Mir war es recht, war ich doch auf der Suche nach solch schrägen Vögeln und da er mich angesprochen hatte, brauchte ich ihm vorerst nichts von meinem Projekt zu verraten. Es gebe Zeiten, so Hintersax weiter, das müsse er zugeben, da sehe er die Dinge auch anders, da komme er sich wirklich asozial vor, weil er auf Kosten der Steuerzahler und der arbeitenden Bevölkerung lebe und nichts für das Wohl der Allgemeinheit tue. Doch mache ihn dieser Blickwinkel auch gleich wieder zynisch, ärgerlich, sogar ziemlich aggressiv, da es ja bloss das aufgepfropfte schlechte Gewissen sei, das ihn plage. Im Grunde genommen sei dieses Thema für ihn längst erledigt, darüber könne er nicht mehr ernsthaft diskutieren, das Thema habe er schon x-mal reflektiert. Wenn man das Problem wirklich logisch und mit aller Konsequenz angehe, komme man unweigerlich zum Schluss, dass es heutzutage gar nicht mehr sozial sei, überhaupt noch zu arbeiten, dass es im Gegenteil geradezu asozial gegenüber der Natur und dem Menschen sei, überhaupt noch im System mitzumachen, wenigstens in dem Sinne, was von der Wirtschaft her als Arbeit definiert würde. Oder sei es etwa sozial respektive eine Arbeit, wenn die Fondmanager die Aktienkurse durch gegenseitiges Aufschaukeln, was im Wirtschafts-ABC als gesunde Konkurrent gelte, in die Höhe katapultierten, damit sie selber kurzfristig mehr Bonus herausholen könnten? Sei das etwa eine soziale Arbeit und für die Allgemeinheit von Nutzen? Das Argument, man müsse ja nicht unbedingt dieses Extrem herausheben, dass es auch Beispiele gebe, die das Gesunde der Wirtschaft hervorhebe, lasse er nicht gelten, so Hintersax. Obwohl es tatsächlich solche Arbeiten gebe. Aber im Prinzip sei heute jeder Bereich des Alltags vom Grundsatz der Rendite durchtränkt, so dass jede, noch die kleinste Tätigkeit, die tatsächlich gemacht werden müsse, von der sogenannten Wirtschaftlichkeit infiziert, also vergiftet sei. Das Dogma des Wachstums und der Rendite sei ein Krebsgeschwür, das mittlerweile Metastasen im ganzen Organismus der Gesellschaft abgelegt habe und deren Zellen nach seinen Befehlen umgepolt habe, so dass das ganze Gefüge krank geworden sei, zum Tode geweiht, zum Verrecken verdammt, so Hintersax. Ob das etwa sozial und für die Allgemeinheit gut sei, wenn die Welt immer mehr verschmutzt werde, durch immer mehr Produktionen, von immer grösserem Scheissdreck, den niemand wirklich brauche und der nachweislich die Menschheit immer gestörter und anfälliger für Krankheit, für Dekadenz mache, sei das etwa sozial und solidarisch? Das sei doch die wahre Tragödie und nicht die Polemik um den Klimawandel oder den asozialen Scheininvaliden. Das Argument, wenn jeder so denken und handeln würde wie er, ginge ja überhaupt nichts mehr, diese Argument, so vernünftig und logisch es scheine, ignoriere die Kritik, die er eben angebracht habe. Es könne schliesslich auch nicht jeder ein Banker, ein Chirurg oder ein Politiker oder sonst ein Abzocker sein und den andern asoziale Moral und falsche Denkweise vorwerfen. Im Übrigen sollten diese Leute arbeiten, die wollten und könnten, er wolle niemandem den Job streitig machen, abgesehen davon, dass es gar keine Jobs mehr gebe. So Hintersax letzten Monat. Er hatte sich während des Gesprächs immer mehr erregt, war aus seiner Hängematte ausgestiegen und nervös zwischen den Kokospalmen hin und her gegangen. Als hätte irgend etwas in ihm stattgefunden, als wäre er sich nicht mehr so sicher, ob das alles, was er eben gesagt hatte und wie er es gesagt hatte, überhaupt stimmen könne. Dann schaute er den Strand entlang und beobachtete für eine Weile die Leute, wie sie sich in der Sonne bräunen liessen, darunter viele Rucksacktouristen, viele junge Frauen in Bikinis, etliche auch oben ohne, um nahtlos braun zu werden, jede einzelne in einem gewissen Abstand von der andern liegend, um sich nicht in die Quere zu kommen, während die Thailänderinnen in Shorts und T-Shirts im Schatten der Palmen in kleinen Gruppen zusammen sassen und plauderten und lachten und sich vergnügten. Angewidert wandte Hintersax sich abrupt wieder ab und nachdem er sich mit einem weiteren frischen Bier, das er aus einer Kühlhaltebox unter der Hängematte hervorgeholt, in die Hängematte gelegt hatte, wechselte er abrupt das Thema. Er jedenfalls habe mit den westlichen Frauen definitiv gebrochen. Nicht dass er frauenfeindlich wäre, aber er verstehe sie grundsätzlich nicht, besser gesagt, nicht mehr, er wisse nicht, was sie wollten und nicht nur von ihm, sondern von der Welt überhaupt. Er hingegen wisse, was er von einer Frau wolle, besser gesagt, was er von einer Frau brauchen würde, wenn er denn eine hätte, nämlich Geborgenheit, emotionale Sicherheit und hin und wieder Sex. Dies sei jetzt zwar nicht gerade etwas Revolutionäres, die ganze Weltliteratur sei ja voll mit diesem Thema. Die Männer jammerten ja schon seit Urzeiten über ihre ungestillte Sehnsucht. Für ihn sei das jedoch nicht einfach Weltliteratur, sondern seine täglich erlebte Realität. Er brauche diesen gemeinsamen, ausschliesslichen symbiotischen Raum mit einer Frau. Nur seien die Frauen heutzutage, die westlichen wohl verstanden, vielleicht seien sie schon immer so gewesen, nicht an einer ausschliesslichen Liebesbeziehung interessiert, sondern würden die Augen nach allen Seiten hin offen halten, auch wenn sie liiert seien. Schliesslich würde das von der Werbung und somit von der sogenannt öffentlichen Meinung propagiert. Dieser immerwährende Kampf um das Weib, dieses dauernd aufmerksam zur Stelle sein müssen, um für eventuelle Konkurrenten gewappnet zu sein, immer in Lauerstellung, um die Nebenbuhler sofort bei ihrem Auftauchen mit Aggression oder Raffinesse zu vertreiben, das sei ihm ein Greuel. Und weil ihm das eben zuwider sei, lebe er lieber wie ein Mönch in seinen eigenen vier Wänden und seinem eigenen inneren Raum. In seinen eigenen vier Seelenwänden fühle er sich geborgen und würde nicht enttäuscht, die eigenen Seelenräume seien nur für ihn reserviert, demzufolge konkurrenzlos. Dass eine Frau seinen Seelenraum betrete, hoffe er zwar immer noch, aber das sei von einer Europäerin wohl zu viel erwartet. Heutzutage, wo die Möglichkeiten in der westlichen Gesellschaft für eine Frau vielseitig seien respektive wo sie sich lieber den Illusionen schürenden Verheissungen aus der Werbung zuwendeten, habe ein Mann bei einer Frau praktisch keine Chance mehr und sei zu einem Statisten verkommen, so Hintersax. Die westliche Frau, vor allem die mit dem sogenannten Bewusstsein, ist bloss pflichtbewusst den Medien, der Fachliteratur, also der Obrigkeit gegenüber und lebt ihr Leben im Hinblick auf die Direktiven und Vorgaben und Machtansprüche dieser Autoritäten. Auch was die Erziehung ihrer Kinder angeht, wenn sie denn welche hat. Die antiautoritären und allgemein befreienden Theologien der sogenannten 68er Generation ersetzten gewissermassen die alten Obrigkeiten. Wenn die pflichtbewusste westliche Frau ihr Kind früher im Sinne der Kirche und des Bürgertums erzogen hat, so folgte sie heute den neuen Bekenntnissen und Theorien, die in den Schulen und in den Medien verbreitet werden. In beiden Fällen vermag sie ihr Kind nicht von sich aus zu schützen und zu fördern und ins Leben hinein zu führen, sondern sie ist immer auf ein Hilfsprogramm angewiesen, früher auf die Gebote und Verbote einer reaktionären Kirche und eines streberischen Bürgertums und heute auf ein psychologisches Hilfsblatt der pädagogischen Hochschulen, auf dem sie nachschauen kann, was in dieser oder jener Situation am besten, am wirksamsten, am gesündesten, am meisten erfolgsversprechend für die Zukunft und für das Kind am förderlichsten und zuträglichsten sei. Es fehlt jedoch die natürliche Selbstverständlichkeit der Zuneigung. Das gilt nicht nur für die Mutter, sondern auch für den Vater, der den sogenannten modernen Sachzwängen genauso freiwillig folgt. Wo das alles hinführt, sehen wir ja, so Hintersax. Es scheint, dass es bei der heutigen Pädagogik vor allem darum geht, aus den Kindern und Jugendlichen, schon im Kindergarten und der Schule, gut funktionierende, wirtschaftwillige Rädchen zu machen, damit sie später einmal effizient rentieren. Das Ziel des Bildungsbürgertums ist seit jeher nicht das Wissen und die Kunst an sich, wie das noch beim Adel der Fall war. Es geht nicht um Erkenntnis und Ausdruck, nicht um Freude am Sein, sondern um Schein. Adelig scheinen, weltoffen und gebildet scheinen, so tun als ob. Dazu muss man von Anfang an richtig geschliffen werden, das geht am besten mit Hochdeutsch, am effizientesten schon vom Gebärsaal weg. Die anerkannten Meister der klassischen Musik und des Theaters auf einer Bühne zu sehen, mit schönen Kleidern und Krawatten, mit frischen Socken und aufgesetztem Lächeln in Kirchen und Kunsttempel aller Art zu pilgern und die ausgestellten Werke zu rühmen, kunstsachverständig zu scheinen, im Lichte der Aufklärung die Welt zu erforschen und logisch zu interpretieren, als wäre man beim Urknall selbst dabei gewesen, diese Haltung dient dazu, zeigen zu können, wie viele Werte man gejagt und gesammelt hat und welchen Rang man innerhalb der Hierarchie des Bildungskapitalbürgertums einnimmt. Denn wer nur Geld hat, wird in humanistisch gebildeten Kreisen geächtet und wer nur gebildet ist, ohne Geld und Amt, der ist in ihren Augen nicht existent, ein verdächtiges Objekt gar. Das monotheistisch-monokapitalistische Werteweltbild der absoluten Gewinnmaximierung ist fortwährender Abzug des Seelischen aus dem Alltag. Das monotheistisch-monokapitalistische Werteweltbild ist Totalitarismus. Humanistische Bildung führt letztlich in den Faschismus. Die wahre Mystik des Seins wird vergewaltigt, wie sie ihre Kinder in der Schule vergewaltigen, wie sich der Erwachsene später durch die so genannten Sachzwänge selbst vergewaltigt. Der Staatsbürger und sein Kind sind zum rentierenden Humankapital geworden, so Hintersax. Dies ein weiterer Grund, warum er nach Thailand ausgewandert sei und hier ein zurückgezogenes Leben führe. Hier habe er seinen Seelenfrieden. Es sei ihm wohler dabei, so Hintersax letzten Monat, erinnere ich mich, während ich eine chic gekleidete Frau beobachte, wie sie an einer anderen, weniger auffälligen Frau als sie selbst, vorbeidrängelt, um schneller beim Rotlicht am Zebrastreifen zu sein, damit sie bei Grün vor der anderen, der Konkurrentin, über die Strasse gehen kann, denke ich. Wenn man eine Frau wolle oder brauche, so müsse man sie sich eben kaufen. Eigentlich könne man Liebe ja nicht kaufen, so heisse es wenigstens, so Hintersax weiter, der sich ein neues Bier aus der Kühlbox genommen, während ich es mir inzwischen auf einem Strandliegestuhl, den ich beim nahen Restaurant geholt hatte, bequem gemacht hatte. Wahre Liebe ist ein Ideal, eine Sehnsucht, so Hintersax, aber die Realität sieht anders aus. Liebe kann man nur kaufen. Man muss Liebe sogar kaufen, sonst existiert sie nicht. Ausgenommen die Liebe der sogenannten Gottesnarren, die Liebe der untätigen, nicht ins Leben eingreifenden Menschen, die absolute und nicht begehrende Liebe der Kontemplativen, die gibt es umsonst, falls es sie überhaupt gibt. Aber die Liebe einer Frau, ihre Zugneigung, ihr Begehren, muss man sich immer, absolut immer, auf diese oder jene Art erkaufen. Die Kultur des Milieus in dem man lebt, das geistige Niveau, die soziale Klasse und die Religion bestimmen den Preis. In der Schweiz ist es vor allem die Mitteklasse, die bestimmend ist. Als Angehöriger der Mittelklasse muss der Mann die richtige, mittelmässige Ausbildung machen, um bei einer Frau überhaupt landen zu können. Der Mann muss die richtige mittelmässige Einstellung dem Leben gegenüber haben, um überhaupt nur in Betracht, um überhaupt in den Focus der Liebe einer mittelmässigen und mittelständischen Frau zu gelangen. Sie selber würde sich selbstverständlich nie als gekauft sehen. Sie rechtfertigt sich moralisch auf dem Niveau der aktuellen politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Trends. Schliesslich ist sie gebildet, eine moderne Frau, sie ist nicht von gestern, sondern aufgeklärt und weiss, was sich gehört, wie sie politisch korrekt auf ihre Rechnung kommt, wie sie für sich einen Vorteil herausholen kann. Ist sie religiös, ist der Eintritt zu ihrer Muschi das religiöse Bekenntnis ihres Freiers. Ist das Bekenntnis erst einmal ausgesprochen, ist alles erlaubt. Stammt sie aus ordinären Kreisen, genügt eine goldene Kette und ein paar süsse Worte als Liebesbeweis. Kommt sie von ganz unten, dann bringt es nur Cash, rein Bares. Auf ganz hohem Niveau kann die Liebe und das Begehren erst durch ausgezeichnete gesellschaftliche Beziehungen des Mannes ausgelöst werden. In diesem Falle muss es schon ein Wirtschaftführer, ein hoher Politiker oder eine Berühmtheit aus dem Show-Business sein. Die Schwierigsten aber sind die Vertreterinnen der Mehrheit der Mittelklasse, weil sie von unten und von oben, von der Religion und der Gesellschaft, der Tagespresse und des Common Sense in die Zange und in Beschlag genommen werden. Bei dieser Spezies muss alles, die kleinsten und schwierigsten Details, stimmen. Da kann ein durchschnittlicher Mann kaum mithalten, das geht nur mit erhöhtem Herzinfarktrisiko. Will man sich eine Frau aus dem Mittelstand ergattern, muss der Mann in jedem Augenblick bereit sein, das Angemessene zu sagen und manchmal sogar das Angemessene zu tun. Er muss die angemessene Einstellung haben, muss die Worte richtig gewichten und wählen, kein falsches Wort im falschen Moment und schon gar nicht am falschen Ort. Als Anwärter auf eine Frau aus der gewöhnlichen schweizerischen Mittelklasse muss der Mann die kleine Karriereleiter klettern, er darf nicht unten stehen bleiben, aber er darf auch nicht zu gut sein, nicht zu hoch klettern, damit man nirgends anstösst. Zu weit oben auf der Leiter, das könnte bedeuten, dass man unter Umständen, wenn nicht korrupt so doch unanständig sein könnte und das wirkt in der Mittelklasse anstössig. Zu weit unten auf der sozialen Stufe zu verharren, wäre gewissermassen noch unmoralischer und anstössiger, man könnte auf die Idee kommen, man sei gar von Dummheit oder Faulheit gezeichnet. Zwei unmögliche Attribute für eine Vertreterin der Mittelklasse, wo alles mittelmässig zu sein hat. Der Mann darf nicht zu gescheit und nicht zu dumm sein, nicht zu reich und nicht zu arm, nicht zu weit oben und nicht zu weit unten, nicht zu blöd aber auch nicht zu clever. Zudem muss er selbstverständlich auch Sport treiben, gesund leben und gesund bleiben, er muss Stress abbauen, psychologisch interessiert und jederzeit zu sinnigen Gesprächen bereit sein. Er darf nicht trinken, darf aber im rechten Augenblick ein Gläschen auch nicht zurückweisen, weil das unanständig wäre. Er darf unter keinen Umständen rauchen, schon gar nicht im Geheimen, weil ein Vertreter der Mittelklasse tut nichts im Geheimen. Das Geheime existiert für die Mittelklasse gewissermassen gar nicht, das Geheime ist etwas für die korrupte Oberschicht, die kleinen Kriminellen, die Ausländer und alle übrigen Gemeinen. Über die intimsten Verhältnisse der Vertreter der Mittelklasse weiss man Beschied, darf und muss man Bescheid wissen, weil nichts Anstössiges sein darf, weil Anstössiges in der Mittelklasse gar nicht vorhanden ist. All dessen muss sich der Anwärter auf eine Frau aus der Mittelklasse gewahr sein. Diese Frauen können nicht anders, sie müssen ihrem mittelmässigen Genprogramm folgen, so Hintersax, mit einer Flasche Bier in der rechten Hand, während er sich mit dem linken Ellenbogen in der Hängematte abgestützt hatte. Inzwischen ist es Mittag geworden und die Tische draussen auf der Strasse füllen sich zusehends. Ich stülpe mir einen Kopfhörer über und lasse mich von Keith Jarrett berieseln, damit ich dem Getratsche der Mittagstischler, die aus den nahen Büros strömen, nicht zuhören muss und ich mich ungestört den Erinnerungen an die letzten Wochen in Asien hingeben kann. Ich bin erst gestern Morgen aus Bangkok zurückgekehrt, im Flugzeug hatte ich dank des Nachtflugs einige Stunden schlafen können und heute habe ich schon alle meine Post erledigt, die sich in den Wochen meiner Abwesenheit angesammelt hatte. Nun bin ich wegen der Zeitverschiebung und der Veränderung des Klimas etwas aufgekratzt. Dazu kommt der Kulturschock, der setzt bei mir jeweils erst in der Schweiz ein, wenn ich vom Ausland zurück nach Zürich komme. Was ist übrigens aus den Achtundsechzigern geworden? So fragte mich Hintersax plötzlich aus seiner Hängematte heraus, seine Assoziationskette ununterbrochen weiterspannend. Die Antwort gab er wie immer auch gleich selbst, erinnere ich mich. Was die einstigen selbsternannten, geistigen Führer der Pseudo-Revolution betrifft, so Hintersax, kann man, ohne mit den exakten Wissenschaften in Konflikt zu geraten, behaupten: gut verdienende, gut in die bürgerliche Pfründe-Gesellschaft integrierte Zeitgenossen, welche jene Karriereleiter erklommen haben, vor der sie noch vor ein paar Jahrzehnten erregt gewarnt haben, als sitze der faschistische Teufel selbst auf deren Sprossen. Es entsteht im Nachhinein der Eindruck, als sei die Warnung vor der Karriere-Leiter nur deswegen so scharf ausgesprochen worden, um allzu grosses Gedränge von vorneherein zu unterbinden, damit sie selber schneller aufsteigen konnten. Man darf also ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass die Exponenten der Achtundsechziger-Revolte verlogene Heuchler, wenn nicht unbedingt waren, so heute doch sind. Wenn sie es früher, in der Zeit der langen Haare und der struppigen Bärte nicht gewesen sind, so deshalb nicht, weil sie damals ihrer eigenen Wohlstandsnaivität auf den Leim gegangen sind. Ähnliches ist bei der Frauenbewegung auszumachen. Die zeitgenössischen Frauen sind da ein interessantes Anschauungsbeispiel. Tussen und Zicken, Modepüppchen und Models, neurotisch und versponnen und brav den Einflüsterungen der Konsumindustrie gehorchend. Waren das die Ideale der Frauenbewegung? Der Rest ist depressiv oder sonst psychisch gestört, weil sie vor den Anforderungen der Emanzipation versagen respektive nicht mehr zu ihrer wahren Frau stehen dürfen. Die wenigen, die das Feuer hüten, sitzen in der Höhle und warten auf bessere Zeiten. Von ihnen hört und sieht man nichts. Der Achtundsechziger-Traum ist ausgeträumt. Zurück bleibt ein Kater, eine gesellschaftliche Konfusion, ein eng gewordenes Denken, wo der einzelne nicht mehr zu sagen traut, was er denkt und nicht mehr zu sein wagt, wie er ist. Eine riesige ideologische Blase hat sich ausgedehnt, die nun, wie es scheint, nur noch mit der etwas zu stumpfen Spitze der Neuen Rechten zum Platzen gebracht werden kann. Deswegen kommt für mich bloss eine Asiatin in Frage, weil unsere Frauen auf keiner Ebene mehr zu gebrauchen sind, so Hintersax mit einer geringschätzigen Handbewegung in Richtung Strand, wo die Touristen und vor allem die Touristinnen immer noch wie Leichen in der prallen Sonne lagen. Die westliche Frau kann zwar bei jedem Thema mitdiskutieren, hat immer und zu allem eine Überzeugung und eine Meinung, sogar mit logischen und vernünftigen Argumenten, so dass man schon meinen könnte, es mit einem interessanten Menschen zu tun zu haben. Wenn es dann aber um die Wurst geht, wie man so sagt, dann ist es aus und vorbei und man merkt, dass das alles bloss angelesener Text ist, aus Büchern und Frauenzeitschriften kolportierter und repetierter Text. Die Asiatin aber verkörpert sozusagen einen vortextlichen Zustand, den Zustand vor dem Diskutieren, vor der Logik und vor der sogenannten Vernunft. Die Asiatin macht keine Show aus ihrem angelesenen Wissen, als wäre das Leben ein Quiz, sondern sie ist einfach. Die Asiatin ist die einzig mögliche Frau für mich und für den westlichen Mann, jedenfalls für den westlichen Mann, der mehr will als einfühlsame und psychologische Gespräche und stete nervende Auseinandersetzung über Nebensächlichkeiten. Sogar wenn die westliche Frau natürlich sein möchte, kann sie es nicht. Das natürliche Sein interpretiert sie im Sinne der Emanzen als ein zu bekämpfendes Sein gegen den Mann, sie versteht es als ein überholtes Sein einer überholten Tradition, der sie sich als aufgeklärte und moderne Frau auf keinen Fall unterwerfen darf. Die sogenannt moderne, die Durchschnittsfrau im Westen, hat sich der Doktrin der Emanzen unterworfen, die das Natürlich-Sein an sich als Unterwerfung unter den Mann interpretiert. Die natürliche Regung wird als Unterwerfung interpretiert und das nicht-theoretische Leben wird als Ungebildetheit zurückgewiesen. Es geht nicht darum, ob Frauen nicht in sogenannten Männerberufen arbeiten sollten. Es ist die Art und Weise, wie sie es tun, als wollten sie Barrikaden niederreissen und verkrustete Strukturen zerstören. Sie tun, als seien sie Pionierinnen, als seien sie die Vorhut einer neuen, revolutionären, weiblich befriedeten Welt. Oft mögen und verkraften sie diese sogenannten Männerberufe und Arbeiten gar nicht, aber sie stehen unter Zwang provozieren zu müssen. Die asiatische Frau ist längst in diesen sogenannten Männerberufen tätig, aber sie arbeitet dort selbstverständlich, nicht als Frau, sondern als Arbeitskraft, ohne den Zwang provozieren zu müssen, sondern einfach die Arbeit verrichtend, ohne aufzubegehren und ohne sich zu unterwerfen, sondern mit einer Selbstverständlichkeit und einem So-Sein, wie sie ist, so Hintersax, erinnere ich mich, vor dem Odeon sitzend, die Zeitung immer noch in der Hand haltend. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Trottoirs sitzen drei junge, modisch gekleidete Frauen mit langen Haaren und kurzen Röcken, das Mittagessen vor sich. Während des Essens beschäftigen sie sich die ganze Zeit mit ihren Handys und plaudern und kichern dazu. Er hasse dieses schmierige Mittelklasse-Gekicher, fällt mir sofort Hintersax wieder in die Gedanken, während ich die drei jungen Frauen beobachte. Dieses engherzige, meist lautstark übertriebene, gekünstelte Gekicher, das zu jedem unpassenden, zu jedem zufällig auftauchenden Ereignis aus den Kehlen des Urbanen hervorstösst. Dazu halten sie ständig ihr Handy in der Hand, tippen auf dessen Display oder dessen Tasten herum, schreiben an irgendwelche Leute, die sie von irgendwelchen zufälligen Begegnungen in Clubs oder vom Internet oder sonst woher kennen, und die sie ganz cool ihre Freunde nennen, dummes Zeug per SMS und warten, dass eine Antwort zurückkommt, die auch prompt auf ihrem Display auftaucht, und die noch viel blöder ausfällt als die schon dämliche Frage. Worauf beim Lesen der abgrundtiefdummen Antwort sofort wieder dieses übertriebene Lachen, ein krächzender Aufschrei der Hilflosigkeit vielmehr, ein tierisch leidender Laut, aus ihren verkrampften Kehlen hervorbricht. Mit verzerrten Gesichtern, die sie von Plakatwänden der Werbeindustrie abgeguckt haben, die Lust und Freude ausdrücken sollten, die aber weder etwas mit inniger Freunde noch mit lustigem Humor und schon gar nichts mit Glücklich-Sein zu tun haben, sondern ein gemeiner, ein niederträchtiger und hinterhältiger, auf Frustration basierender, gequälter Ausdruck ist, ein schadenfreudiges Auslachen ihrer eigenen abgrundtiefen Gier und Unglückseligkeit. Man wähnt sich zu amüsieren, wenn man aus lauter Langeweile dummes Zeug in das Handy tippt, welches man den ganzen Tag nicht aus der Hand legt. Zudem schauen sie ständig, ob sie nun stehen oder liegen, ob sie gehen oder fahren, auf das Display, als wäre dort eine Botschaft einer mystischen Gottheit zu finden und hypnotisieren sich dabei im Grunde genommen nur selbst. Geniesse den freien Tag, sagen sie zu sich selbst, den Wunsch ihrer Kolleginnen und Kollegen wiederholend, den diese auch bloss aus dem Fernsehen, aus der Werbung und aus Hollywood Filmen nachplappern und meinen damit, dass sie ununterbrochen auf ihr Handy starren oder shoppen gehen sollen. Dies ihr Glück eines genossenen Tages. Sollte das Handy wider erwarten nichts mehr hergeben, wenn alle zur Verfügung stehenden Nummern durchgegangen, wenn alle möglichen Leute mit blöden SMS eingedeckt worden sind, kommt sofort der Griff zu den Gratiszeitungen, die überall herumliegen und die ganze Stadt verschmutzen und verschandeln. Die Verschandelung des öffentlichen Raums hat explosionsartig zugenommen, seit die Gratiszeitungen aufgekommen sind. Dank der Desinformation aus den Gratiszeitungen glauben sie sich informiert und leiten daraus die von ihnen geforderte Meinungsbildung ab und fühlen sich als aufgeklärte Teilhaber der sogenannt direkten Demokratie. Den immer gleichen Schwachsinn aus den Gratiszeitungen verwechseln sie mit Information und meinen, sich darüber eine bewusste Meinung bilden zu müssen, indes sie sich bloss gegenseitig die grössten Geistlosigkeiten und Oberflächlichkeiten, den absoluten Schwachsinn nachplappern. Die direkte Demokratie als das Dogma unserer Zeit. Die direkte Demokratie als die totale Illusion des Schweizers und der Schweizerin. Die Demokratie heute ist ein Demokratiezwang, so Hintersax weiter, im höchsten Grad erregt, in meine Ohren schreiend, erinnere ich mich und beobachte nun wieder die Passanten, schaue vielmehr durch sie hindurch und lasse mir gleichzeitig Hintersax Donnerwetter durch den Kopf gehen. Die sogenannte Demokratie, so Hintersax, ist die totale Doktrin unserer Zeit. Die direkte Demokratie ist keine Gehirnwäsche, sie ist eine hinterhältige Manipulation des Gehirns, also genau das Gegenteil einer Gehirnwäsche. Wäre es eine Gehirnwäsche, wäre das Gehirn nachher wieder rein und könnte zum weiteren Gebrauch benutzt werden, aber die direkte Demokratie ist eben keine Gehirnwäsche sondern eine Gehirnmanipulation, eine Gehirnamputation, so Hintersax, immer mehr in Zorn geratend, quasi in seiner Hängematte schwebend. Es ist der totalitäre Demokratieterror, wenn der Einzelne sich jederzeit und überall mit den sogenannten Nachrichten des Tages, wenn jeder sich immer und überall mit dem vorgekotzen Schwachsinn der hinterhältigen und dreist dummen Redaktoren zu befassen hat. Den ganzen Tag werden einem auf allen Kanälen die niederträchtigsten Vorkommisse aus der Politik und die brutalen und blutrünstigen Scheusslichkeiten des globalen Alltags einer dekadenten Gesellschaft und einer kaputten Welt um die Ohren gehauen respektive mit Gewalt in die kognitiven Systeme des Gehirns geschlagen, bis man nur noch Verschwommenes sieht, nur noch Unscharfes weiss. Und dazu hat man als aufrechter, direkter Schweizer Demokrat seine Meinung zu bilden, darf aber trotzdem nicht dazu stehen, wenn sie von der Doktrin des Mainstreams abweichen sollte. Da kann man nicht einfach daherkommen und sagen, ich weiss es nicht, was geht es mich an, ich habe mein eigenes Leben, ich habe das Recht auf meine eigenen Nachrichten, ich habe das Recht auf Nachrichtenlosigkeit. Wenn man so daherkommt, gilt man als oberflächlich, als demokratiefeindlich, als asozial, als Staats- und Menschenfeind, der ausgerottet gehört, ja ausgerottet! Wehrt man sich gegen die von gemeinen Journalisten erfundenen, vorgesetzten und vorinterpretierten Geschmacklosigkeiten, abgrundtiefen Halbwahrheiten und Verkehrtheiten, wird man als demokratiefeindlich verunglimpft. Man wird genötigt Position zu beziehen, man wird genötigt abstimmen zu gehen, man wird genötigt für oder gegen jedes neue Toilettenhäuschen irgendwo in der Stadt oder gar am Stadtrand zu sein. Ich würde es keinen einzigen Tag mehr aushalten in der Schweiz, vor allem in Zürich nicht und ich bin froh, ich bin überglücklich, dass ich hier in Thailand mit meiner IV-Rente ein einigermassen informations- und meinungsloses Leben führen darf, so Hintersax, der kaum mehr zu beruhigen gewesen war und inzwischen aus seiner Hängematte ausgestiegen und nervös zwischen den Palmen hin und her gegangen war. Die drei Frauen haben mittlerweile ihr Mittagessen beendet und der Kellner räumt die Reste ab. Gut die Hälfte haben sie stehen lassen. Ich frage mich aus was für Gründen. Ob es nicht gut war? Oder ob sie keinen Hunger hatten, oder auf ihre Linie achten müssen? Oder ob es sich einfach so gehört, dass man heutzutage die Hälfte stehen lässt, aus purem Snobismus? Manchmal habe er trotzdem ein schlechtes Gewissen, so Hintersax, der sich inzwischen wieder beruhigt hatte, weil er als IV-Rentner in den Augen der meisten Menschen ein nichtsnutziger, fauler Typ sei, als arbeitsscheu und asozial gelte, der auf Kosten des Steuerzahlers lebe. Ein Asozialer, dem man eigentlich das Handwerk legen müsste, der als Zwangsarbeiter eingesperrt gehörte. So denken etwa nicht nur die Leute vom rechten Lager, so denken im Prinzip alle. Ja, im Prinzip denken alle so, so Hintersax, wenn auch nicht so klar und deutlich ausgesprochen, sondern in etwas abgemilderter Form, so dass es nicht mehr anrüchig nach rechtem politischem Flügel riecht, sondern ganz vernünftig und politisch korrekt daherkommt. Aber vom wirtschaftlichen Weltbild her, denken alle so. Man bekundet zwar grossmütig, man verstehe, dass es verschiedene Menschentypen gebe, dass es auch Leute gebe, die anders funktionierten als der Durchschnitt, man finde es sogar gut, dass es Menschen gebe, die andere Prioritäten setzten, man verstehe ja, dass es auch Schwächere gebe, denen geholfen werden müsse, aber … und dann kommt der grosse Hammer, der alles zuvor in Watte gepackte rigoros wieder zerschlägt. Wenn einer sagt, dass er mit einer IV-Rente in Thailand wohne und es ihm gar nicht mal so schlecht dabei gehe, wird das von niemandem akzeptiert, das verzeihen sie dir nicht, dass es einem auch noch gut geht mit einer Invalidenrente. Dass man als IV-Rentner den Mut nicht verlieren solle, das unterstützen sie mit viel psychologisch korrektem Blabla, solange es einem trotzdem schlecht geht. Sobald es einem aber gut geht und man es sich in Thailand oder sonstwo auf der Welt gut gehen lässt, dann ist fertig lustig, dann ist Schluss mit Verständnis und Toleranz. Das darf und kann nicht sein, dass da einer eine Rente hat und in Thailand ein quickfideles Leben führt. Dass man trotzdem darunter leiden könnte, weil man nicht mehr gebraucht wird in der Schweiz und man gar keine andere Wahl hat, als zwangsauszuwandern, sozusagen als moderner Vertriebener und Heimatloser sein Leben fristen zu müssen, das finden sie eine billige Ausrede. Dennoch ist es so, in der Schweiz hält man es, wenn man keine Arbeit hat, nicht lange aus, man geht dort buchstäblich vor die Hunde, wird depressiv, zum Alkoholiker oder drogensüchtig oder bringt sich um. Wenn man in der Schweiz nicht arbeitet, wird man ausgestossen und ausgeschlossen, und wenn man ausgestossen und ausgeschlossen ist in der Schweiz, ist man nicht mehr existent, dann hat man von der Bildfläche zu verschwinden, dann hat man das Maul zu halten, dann ist man nirgends und unter keinen Umständen mehr erwünscht. Höchstens wenn man sich den Alkoholikern und Obdachlosen auf einem öffentlichen Platz anschliesst, hat man noch eine minimale soziale Präsenz. Doch diese Existenz ist auch nicht jedermanns Sache, es gibt auch IV-Rentner, die nicht auf einem öffentlichen Platz ausgestellte Alkoholiker und Obdachlose sein wollen. Der Hauptgrund, warum es überhaupt IV-Rentner gibt, ist, und das ist eine Tatsache, weil sie nicht gebraucht werden, weil sie überflüssig sind, weil sie nicht so funktionieren wollen oder funktionieren können, wie es die Wirtschaft und das Bürgertum, wie es das Schweizertum vorschreibt. Natürlich könnten Leute mit einem physischen oder einem psychischen Handicap arbeiten, sie wünschten es sogar, sie möchten arbeiten, alle, ausnahmslos alle möchten arbeiten, möchten etwas zu tun haben, möchten integriert sei, wie man heute sagt, aber sie dürften nicht oder dürfen nicht so, wie sie möchten, sondern dürfen nur so, wie es das schweizerisch effiziente Wirtschaftwunder von ihnen verlangt. Sie dürfen nur dann arbeiten, wenn sie sich bedingungslos unterwerfen. Im Prinzip sind die sogenannt Invaliden, insbesondere die, welche aus psychischen Gründen invalid geschrieben sind, im Prinzip sind das die letzen Rebellen, die das ausbeutende System durchschauen und konsequent sind, die sich lieber in eine Depression flüchten, als bei diesem ganzen Mist noch mitzumachen. Integration ist heute bloss ein anderes, ein modernes Wort für Unterwerfung, so Hintersax. In Thailand käme es niemandem in den Sinn, nicht so zu sein, wie man ist, in Thailand ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man überall, auch am Arbeitsplatz, so ist, wie man ist und sich nicht in verschiedene Rollen spaltet, sich ein durch Werbung und Trends aufgezwungenes Image zulegt und so die psychischen Störungen fördert, unter denen bei uns die ganze Gesellschaft leidet und für welche die ganze Gesellschaft psychisch krankgeschrieben werden sollte. Man müsste tatsächlich der ganzen Gesellschaft eine Invalidenrente zuschreiben, weil alle mehr oder weniger psychisch gestört sind. Aber da das nicht geht, schreibt man einfach die Gesunden krank, da es einfacher ist und billiger kommt, wenn man die psychisch Gesunden psychisch krankschreibt und ihnen eine Rente gibt. Aber das darf man nicht sagen und wenn man es dennoch sagt, ist man in den Augen der Allgemeinheit ein Spinner, der, wenn schon nicht eingesperrt, auf jeden Fall weggewiesen und ausgeschlossen gehört. Der politische Dissident bekommt eine staatliche Verfügung und darf nicht mehr arbeiten. Man stösst ihn aus, weil er eine Gefahr für die bürgerliche Arbeitsmoral ist, weil der Kritiker immer eine Gefahr für das reibungslose Funktionieren der Geldmaschine ist, eine Gefahr für den absoluten Kapitalismus ist. Er darf nicht arbeiten, weil er die bürgerliche Arbeitsmoral nur schon durch seine Präsenz untergräbt, weil er nicht so effizient und gewinnsteigernd funktioniert, wie es sich für einen gut erzogenen Eidgenossen gehört. Der sogenannt Invalide darf nicht mehr arbeiten, weil er eine Gefahr ist und das ist die Wahrheit, so Hintersax, der noch nicht wieder Platz in seiner Hängematte genommen hatte und erneut aufgebracht zwischen den beiden Kokosnusspalmen, an denen seine Hängematte befestigt war, hin und her lief. Inzwischen ist Ueli, ein Frührentner eingetroffen. Er setzt sich nie draussen an ein Tischchen, sondern sitzt immer drinnen an der Bar an seiner Ecke und liest die NZZ. Ueli spricht mit jedem, der sich in seiner Nähe befindet und nach ein paar Augenblicken dreht sich das Gespräch unausweichlich um Politik, um Israel und die USA, die Juden, die Banken. Er ist bemüht, ein ausgewogenes und intellektuelles Urteil abzugeben. Dennoch spürt man instinktiv seine wahre Gesinnung heraus. Doch ich habe zurzeit keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, da ich Unterhaltung genug mit Hintersax habe, der verzweifelt in meinen Gedanken weiterfährt: Es sei eine politische Entscheidung gewesen, reine Willkür, dass er von der Gesellschaft ausgesondert worden sei. Es sei eine böse Rücksichtslosigkeit und habe in der Schweiz Methode, dass man Leute wie ihn, sie seien mittlerweile ja Hunderttausende, einfach in die IV abschieben würde. Früher in der alten Sowjetunion habe man den Systemkritikern wenigstens noch den Prozess gemacht, sie verhaftet und in eine psychiatrische Klinik gesperrt, wo sie mit Medikamenten vollgestopft worden seien, damit sie auf den rechten, vaterländisch kommunistischen Weg zurückfänden. Hier im Westen aber werde der konsequente Gesellschaftsrebell gar nicht erst ernst genommen, höchstens dass man als Hofnarr in der Kultur geduldet und darüber hinaus noch als faul und asozial denunziert werde, so Hintersax. Dennoch, das schlechte Gewissen bleibt, es nagt an mir, das ist praktisch nicht mehr auszutilgen. Das ist der Preis, den ich zu bezahlten habe. Am Morgen, schon beim Aufwachen ist es da, das schlechte Gewissen, weil ich mich selbst schon als faul und asozial bewerte, weil ich mich schon selbst mit den Argumenten meiner Gegner identifiziere, da es mir rein äusserlich gesehen gut geht, es mir an nichts mangelt, wie man so sagt, weil ich genug zu essen und zu trinken habe, weil ich eine Wohnung habe und immer sauber und frisch geduscht bin und mit gewaschenen und nicht abgetragenen Kleidern herumlaufen kann und weil ich nach Thailand fliegen kann und es mir hier oberflächlich gesehen auch gut geht. Aber das schlechte Gewissen bleibt, das ein nicht-integriertes Mitglied der Gesellschaft hat. Dennoch, was soll man heute denn noch tun, was soll man überhaupt noch tun, um als gerecht zu erscheinen? Jetzt nicht bloss in den Augen der Allgemeinheit, sondern vor allem in den eigenen Augen. Was kann und soll man heute denn überhaupt noch tun, etwas, das für die Allgemeinheit von Nutzen und nicht zum Schaden ist, etwas, das dem höheren und philosophischen Bewusstsein des Menschen gerecht wird? Was sollen oder können wir überhaupt noch tun? Das ist wichtigste Frage schlechthin. Was sollen wir noch tun? Noch mehr in das abgewrackte und marode System investieren, wie es allerorten gemacht wird? Noch mehr Kurse besuchen und die sogenannte Bildung als einzigen Ausweg propagieren, noch mehr Akademiker produzieren und noch mehr Wirtschaft und noch mehr Gewinnmaximierung und noch mehr Effizienz und noch mehr Dummheit und noch mehr Ressourcen verbrauchen und noch mehr Produktionen von Schwachsinnigem, von hirnrissigen Produkten, die die Umwelt verschmutzen und zerstören und die den Menschen zu einem hirnamputierten Idioten machen? Noch mehr von dem ganzen Irrsinn, nur damit die Menschheit beschäftigt werden kann und man nicht als faul und asozial beurteilt wird? Eigentlich müssten wir mit allem aufhören, vor allem auch aufhören mit der Bildung, wie sie heute verstanden und praktiziert wird. Bildung heute ist bloss noch ein Investment in die gewinnmaximierende Wirtschaft. Wir sollten nicht in die Wirtschaft investieren, sondern in das Nichtstun. Wir sollten nicht einmal in das Nichtstun investieren, weil das Wort investieren von der Idee ausgeht, dass es zu rentieren habe. Wir sollten einfach nichts tun, nichts mehr tun, die Maschinen abstellen und abwarten. Das Nichtstun, die Kontemplation ist unsere einzige Chance, um zu überleben, um den Planeten nicht total herunterzuwirtschaften und in den Dreck zu fahren. Nur ein Stopp, ein radikaler Stopp, ein radikaler Unterbruch, eine radikale Abkehr vom effizienten, Gewinn steigernden Wirtschaftsystem kann Rettung bringen. Unterschriften sammeln, bringt nichts. Initiativen lancieren, bringt nichts. Abstimmen und wählen gehen, bringt nichts. Die Menschen zu weniger Energiekonsum aufrufen, bringt nichts. Man muss nicht das System zerstören, um es zu ändern, man kann es einfach sein lassen, es ignorieren, es dem Zerfall der Zeit überlassen. Was nicht mehr benutzt wird, fällt mit der Zeit automatisch der Zeit anheim, vergilbt, vergeht, verglüht, verschwindet, zerfällt, zerläuft, so Hintersax letzten Monat in Ko Chang vor seiner Hängematte hin und her gehend, erinnere ich mich, während ich an einem Tischchen vor dem Odeon sitze und beobachte wie ein Mann bei Rot über den Fussgängerstreifen zum Bellevue geht, was Urs, ein weiterer Rentner und Stammgast, der unscheinbar mit seinem Käppi - auch er alleine - an einem Tischchen sitzt und der seinerseits die Szene beim Fussgängerstreifen beobachtet hat, sofort zum Anlass nimmt, zu einer lauten Hasstirade Zuflucht zu nehmen und dem Verkehrssünder laut hinterher schreit, dass das verboten sei. Da er von niemandem Zuspruch und Beachtung für seine eruptive Intervention dem Verkehrssünder gegenüber bekommen hat, wendet er sich wieder seiner kleinen Bauchtasche zu, die er immer umgeschnallt hat und kramt nun darin nach irgend etwas. Ich möchte mir nun etwas die Beine vertreten, bezahle meinen Kaffee, stehe auf und gehe extra bei Rot über die Strasse, in der Absicht, Urs damit zu einer weiteren Tirade anzustacheln, doch er reagiert nicht. Vor dem Coop City bleibe ich stehen und lasse mich nach kurzem Zögern vom Strom der Passanten erfassen und finde mich vor der T-Shirt Auslage im Parterre wieder. Während ich nach aussen den Eindruck mache, die neuen Saison-Farben der T-Shirts zu studieren, breitet sich Hintersax immer weiter in meinem Innern aus und hat von meinem Bewusstsein mehr oder weniger Besitz ergriffen. Man hört es immer wieder, so Hintersax weiter, erinnere ich mich, es sei gut für die Wirtschaft, wenn man Ausländer als Arbeitnehmer ins Land holt, weil sie gut ausgebildet seien oder gut und billig funktionierten. Nun, das mag richtig sein. Wenn sie denn arbeiten und gut und billig funktionieren. Es war auch gut für die Wirtschaft, Afrikaner als Sklaven nach Amerika zu bringen. Das war sogar super für die Baumwollwirtschaft, die Agrarwirtschaft, gut für die Herrschaftssysteme sowieso. Alles, was jemandem finanziell nützt und sei es nur einem einzigen Steuerzahler - wenn er denn zahlt - ist gut für die Wirtschaft. Es ist auch gut für die Wirtschaft, wenn man jemandem eine Kugel durch den Kopf schiesst. Das ist gut für die Waffenindustrie, das ist gut für die Kriminalpolizei, gut für den Leichentransporter, für die Obduktionsabteilung des Spitals, es ist gut für die Sargmacher, für die Blumengeschäfte, gut sogar für die Kirche, weil sie dann wieder einen Pfaffen ans Grab schicken kann, der salbungsvoll etwas von der undurchsichtigen Gerechtigkeit Gottes schwafeln kann. Für die Wirtschaft ist alles gut, weil alles das Brutto-Sozial-Produkt steigert. Die Ausländer würden uns Wohlstand bringen. Sie würden in die AHV, in die Pensionskassen, in die Steuerkassen, und so weiter, einzahlen. Das mag ja stimmen. Wenn sie denn einzahlen und nicht nur abholen. Die arbeitende Bevölkerung hat trotzdem nicht viel davon. Weil akkumuliertes Geld auf dem Börsenmarkt innerhalb weniger Tage, ja Stunden, dermassen schrumpfen kann, dass Renten auch nach jahrzehntelangem Sparen systembedingt nie gesichert werden können. Kommt noch dazu, dass das internationale Kapital dorthin fliesst, wo kurzfristig am meisten Gewinne zu erzielen sind. Ist der Boom vorbei, wird das Kapital abgezogen und die Arbeitsplätze werden abgebaut. Zurück bleiben Industrieruinen und menschliche Ruinen, Arbeitslose und andere Angelockte. Ein Segen für das Volk ist das nicht, hingegen ist es ein Geschäft für das Kapital. Die Bewohner der Schweiz aber zahlen mit dem Verlust von Raum, weil alles überbaut und ganze Landstriche verschandelt sind, sie bezahlen zudem mit dem Verlust von Lebensfreude. Zu viele Menschen aus anderen Kulturen untergraben das Selbstverständnis des Einheimischen. Man kann nicht wahllos alles integrieren, dafür fehlt es an Platz in Raum und Psyche. Solange der Mensch nur als Zubringer des Kapitals dient und diese Zubringer zwecks Vermehrung des Kapitals importiert werden, solange werden menschliche Ruinen und das so genannte Ausländerproblem produziert. Aber es ist gut für die Wirtschaft. Da nützt es auch nicht mehr viel, wenn die Schweizer mit teuren Militärjets am Himmel protzige Drohkulissen aufbauen und lustige Pirouetten drehen und einem imaginären Feind hinterher jagen, während unten auf dem Boden reale Feinde im Schutze des ohrenbetäubenden Lärms, brave junge und alte Schweizer zusammenschlagen, ja gar totschlagen oder ihnen die Gurgel durchschneiden, Kinder vergewaltigen, in unsere Häuser und Wohnungen einbrechen, die Mafia in der Schweiz Einfluss gewinnt, kriminelle Superreiche, Despoten und korrupte Wirtschaftskapitäne aus der ganzen Welt unser Land verludern lassen und mit ihrem Geld die Schweiz dank den Banken in Verruf bringen. Aber es ist gut für die Wirtschaft! So Hintersax, mit vor Ärger rot angelaufenem Kopf. Inzwischen stehe ich vor der Auslage der Jeans und befühle mit den Fingern den Stoff. Ich könnte auch mal wieder ein paar neue Hosen brauchen, geht es mir durch den Kopf. Warum habe ich denn nicht im viel günstigeren Bangkok eingekauft? Doch so wichtig scheint das jetzt nicht zu sein, Hintersax meldet sich sofort wieder zurück. Deswegen brauche ich gar nichts zu arbeiten, so Hintersax, der sich inzwischen vollkommen beruhigt hatte und sich mit einem weiteren Bier wieder in die Hängematte gelegt hatte. Es ist ja alles schon gemacht, wenigstens das, was in der bürgerlichen und der vorherrschenden Meinung als Arbeit deklariert wird. Die Produktion der Konsumgüter läuft auf der ganzen Welt auf Hochtouren, eine gigantische Überproduktion findet statt, offensichtlich nicht bloss zum Schaden der Umwelt sondern zum Schaden des Menschen schlechthin. Der Mensch leidet unter dieser Überproduktion, er leidet ganz offensichtlich unter der Verschlechterung des sozialen Klimas. Das ist die tatsächliche Katastrophe, das ist die wirkliche, die totale soziale Klima-Katastrophe. Ich übertreibe nicht, ich male auch nicht den Teufel an die Wand, wie man so sagt, es ist die reine Wahrheit. Wenn wir die Ideale des Bürgertums, wenn wir den Glauben an die Aufklärung und die Machbarkeit von allem nicht aufgeben, werden wir daran elendiglich verrecken. So gesehen sind alle, die an die Aufklärung und die Ideale der sogenannten bürgerlichen Revolution und also an ihre Arbeitsmoral glauben, sich daran halten und sich daran orientieren, Mörder, sogar Massenmörder, genauso wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg durch das Gehorchen und das bedingungslose Mitmachen den Karren in den Dreck gefahren haben und zu Mördern und Massenmördern geworden sind. So sind wir alle Mörder und Massenmörder, weil sich alle, auch die sogenannte Linke, an diese Dogmen halten, insbesondere an das Dogma der bürgerlich humanistischen Bildung und der sogenannten Aufklärung. Das Dogma, dass nur durch Bildung die Probleme der Menschheit gelöst werden können, ist absurd. Das Gegenteil ist der Fall. Die flächendeckende Akademisierung jeder noch so selbstverständlichen Tätigkeit im Alltag entfremdet uns von uns selbst, das ist die Katastrophe. So gesehen sind die Massenmörder eigentliche Selbstmörder und sie schaufeln sich ihr eigenes Grab, weil alle diesen akademischen Schwachsinn nachbeten, als sei es eines der zehn Gebote Moses oder noch besser, als sei es ein Naturgesetz, welches den strengsten wissenschaftlichen Forschungen und Beweisführungen standhalten würde. Und wer sich nicht nur von der produktiven Arbeit sondern auch noch vom Konsum verabschiedet, wer der absoluten Ausbeutung der Ressourcen und der Zerstörung der Umwelt den Rücken kehrt, ist ein Nichtsnutz, ein Schmarotzer, ein Asozialer, ein böser Mensch gar, der seinen Bürger-Pflichten zur Ankurbelung der Wirtschaft und der Sanierung und Sicherung der Renten, also der Sicherung der Zukunft nicht nachkommt. Was für ein Quatsch und was für eine Sprache, was für ein Weltbild! Ankurbelung der Wirtschaft! Sanierung und Sicherung der Renten! Sicherung der Zukunft! Ein Gesinnungsterror, ein Wirtschaft- und Rentengesinnungsterror, das ist es doch, was wir zurzeit haben, so Hintersax in seiner Hängematte, erinnerte ich mich. Darauf sagte er längere Zeit nichts, schaute aufs Meer hinaus und als er sich vollständig beruhigt hatte, stieg er gemächlich und würdevoll aus seiner Hängematte aus, stellte die halbvolle Bierflasche in den Sand, legte seine Arme hinter den Rücken und schaute mich direkt und ohne eine Miene zu verziehen an und sagte. Ich bin ein Mensch, der für sein Geld nicht arbeitet. Ich bin kein Scheininvalider und auch kein Scheinbürgerlicher, ich bin ein Adeliger. Die arbeitende Bevölkerung ist für mich beschränktes Gesindel, das bloss von Zahlen redet! Zahlen fressen den Lebensraum auf. Die Welt wird auf das Vermessen reduziert. 8 Millionen, 7,3 Punkte, 0,8 Gramm, 3 Jahre und 57 Tage. Der Raum wird durch die abstrahierende Vermessung reduziert und implodiert dabei. Es sind Stümper, die so denken und dafür arbeiten und ihr Leben als Arbeitszeit verkaufen. Ich aber bin ein Adeliger. Ich arbeite nicht im bürgerlichen Sinn. Ich schaffe keinen Mehrwert im bürgerlichen Sinn. Ich erarbeite keine Rendite im bürgerlichen Sinn. Ich bin kein Bürger und auch kein Scheinbürger. Ich bin kein Invalider und auch kein Scheininvalider. Es geht nicht um die Frage, ob ich fähig bin oder nicht, sondern ob ich will oder nicht will. Und ich will nicht! Arbeit im bürgerlichen Sinn ist unter meiner Würde. Arbeit im bürgerlichen Sinn ist unter der Würde des Adeligen. Die Frage des Könnens kommt erst in zweiter Instanz. Die erste Instanz ist der Wille. Weil ich nicht will, kann ich auch nicht. Wie könnte ich auch gegen meinen Willen wollen? Das Bürgertum interessiert mich nicht. Weder das Kleinbürgertum noch das Grossbürgertum. Was mich interessiert ist der Adel, aber auch der Bauer, auch der Handwerker. Mich interessiert weder der arrivierte bürgerliche Revolutionär noch der nach Kleinbürgertum riechende Bauer, noch der nach dem Grossbürgertum strebende Kleinbürger und schon gar nicht der nach dem Adel greifende Grossbürger. Der Adelige lebt, um zu sein. Er geniesst, weil er lebt. Der Adelige schafft Kunst, weil er fühlt. Der Bürger aber lebt, um zu arbeiten, er produziert Kunst, um auf dem Podest zu stehen. Der Bürger arbeitet, um Geld zu machen. Der Adel existiert. Der Bürger rechnet. Nachrichten interessieren den Adeligen nicht. Das Nach-Richten ist eine bürgerliche Angelegenheit. Der Bürger geht mit der Zeit. Den Adeligen interessiert die Seins-Form und nicht die Uni-Form. Nachrichten sind Uniformen. Durch Nachrichten wird man informiert und uniformiert. Information und Uniformen sind Maskerade. Dahinter verbirgt sich das verkümmerte Selbst des rechnenden und berechnenden Bürgers. Was den Adeligen interessiert, ist der reine Genuss, das reine Leben, das reine Leiden, die reine Kunst, der reine Abgrund. Der Adelige ist ein Anarchist. Das Anarchische des Denken wird weder vom Grossbürger noch vom Kleinbürger auch nur erahnt. Das freie Denken wird nur durch die Freiheit des Adels gewährt. Die Freiheit des Abgrundes und die Freiheit des totalen Genusses. Der Adel arbeitet nicht, er geniesst. Der Adel strebt nicht nach Gewinnmaximierung, er handelt um des Lebens und der Philosophie willen. Der Adel denkt, spricht und schreibt aus purer Lust oder Unlust. Der Mensch, der beim Denken, Sprechen und Schreiben mit Gewinn rechnet, ist ein Bürger. Der Adel lebt Instinkt. Der Bürger verkauft seine Zeit für Geld und Schein. Der Bürger arbeitet für den Geldschein. Da steht eine trennende Wand zwischen dem Bürger und dem Leben. Der Adel aber ist das Leben. Der Adel ist dekadent. Der Adel liebt die Phantasie, er liebt die Kreation und die Kreatur und auch den Furz. Der Adel liebt den Furz wie den Geistesblitz. Der Adel ist fett und magersüchtig. Adel ist Genuss und Sucht, Kontemplation und Leidenschaft, Euphorie und Verdruss. Der Adel nutzt die Errungenschaften, technisch, künstlerisch und philosophisch. Der Adel nutzt, der Bürger missbraucht. Der Bürger betrinkt sich, der Adel ist berauscht. Der Adelige hat Freunde. Der Bürger Beziehungen und Netzwerke. Der Adel ist einsam. Der Adelige bezieht das Geld von der Macht, von der er sich verabschiedet hat. Der IV-Rentner ist der Adelige unserer Zeit. Rette sich wer kann! So Hintersax, der sich darauf wieder in seine Hängematte legte und auf das offene, weite Meer hinausschaute. Anscheinend habe ich mich angesichts der inneren Bewusstseinsströme auch den äusseren Strömungen hingegeben, denn unweigerlich finde ich mich wieder vor dem Odeon. Ohne dass ich es mir gewünscht hätte, muss ich, nachdem ich vor den Jeans stehengeblieben bin, durch die Hintertür den Coop City wieder verlassen und zurück zum Odeon gefunden haben. Da ich nicht anderes zu tun habe, setze ich mich an das gleiche Tischchen und bestelle einen Apfelsaft. Vor Thailand bin ich auf den Philippinen gewesen, wo ich im Gebirge bei einem Spaziergang durch die weltberühmten Reisterrassen, die im UNESCO Programm aufgenommen sind, auf Flügger traf, einen weiteren Schweizer, ein Schriftsteller, wie er sich vorstellte, der sich in den Bergen eine kleine Hütte gemietet hatte, wo er seine philosophisch-geistige Autobiographie schreiben wollte, wie er sagte. In Zürich, wo er wohne, sei es unmöglich, sich zu konzentrieren, schon gar nicht, wenn man eine geistig-philosophische Biographie in Arbeit habe. Er machte mir nicht gerade einen glücklichen Eindruck. Er habe auch gleich eine Hütte in einem Wald gefunden, teilte er mir auf dem Spaziergang durch die Reisterrassen mit, dies sei der richtige Platz für sein Vorhaben. Die Autobiographie habe er über die Jahre hin schon in Fragmenten skizziert, und er wolle sie nun endlich nach wiederholten Versuchen in einen chronologischen Fluss bringen. Doch seine sogenannt geistig-philosophische Autobiographie sei überholt, so denke er nun, erinnere ich mich, während Bobby immer noch alleine an seinem Tischchen sitzt, immer noch oder schon wieder mit einer Menthol Zigarette hantiert und immer noch nach einem Gesprächspartner oder einer Gesprächspartnerin Ausschau hält, um ihn oder sie mit seinem Charme zu umgarnen. Seine geistig-philosophische Autobiographie sei nicht nur überholt, so Flügger, sondern auch eine Illusion, so denke er nun, ein Treten an Ort, ein sich Beschäftigen mit Dingen, die längst vergangen seien, die aber durch das gedankliche Wiederkäuen und des sich weiterhin damit Befassens, eine Wichtigkeit bekämen, die ihnen gar nicht zustehe. Ein Weiterschreiben an einem Gedanken, der es wert gewesen wäre, abgebrochen zu werden, ist kontraproduktiv, so Flügger auf der Reisterrasse, da ich mich durch das Weiterverfolgen des Gedankens nur verliere und mich noch mehr in meinen Vorurteilen verstricke, die sich über die Jahre hin angehäuft haben, sie zu einem immer grösseren Netz spinne, in dem ich mich selber gefangen halte, wo ich Spinne und Fliege zugleich bin. Diese permanente Schreiberei an meiner geistig-philosophischen Autobiographie ist gewissermassen ein Nicht-Zulassen des eigenen Seins, des eigenen Jetzt. Obwohl ich das Problem erkannt habe, drängen mich die Gedanken immer weiter zu denken. Es ist ein Zwang. Das Netz will weitergesponnen werden, das Netz der Gedanken beherrscht mich, es hält mich in seinen unendlichen Dimensionen gefangen. Das Netz der Gedanken wird zum anonymen Herrscher meiner selbst und ich, Täter und Opfer zugleich, bin sein Handlanger und sein Sklave, sein Sklave, der genötigt wird, weiterzuspinnen, weiterzudenken, weiterzuschreiben. Es spinnt, denkt und schreibt in mir, es ist kaum auszuhalten. Ich könnte mir und anderen jetzt zwar in bildungsbürgerlicher Manier vormachen, dass ich mich durch meine Gedanken und meine Texte mit mir und dem Leben auseinandersetze, dass das ein Prozess sei, zudem ein Privileg, weil ich dadurch gewissermassen mit meinem Selbst in Kontakt trete. Dies schmeichelt dem Ego des Bildungsbürgers, der an die kulturellen und geistigen Errungenschaften der letzten 2500 Jahre und an die Wissenschaften und die Evolution glaubt. Ich könnte also glauben und stolz sein, dass sich all dies in mir als Bewusstsein kundtut. Ich könnte an meinen eigenen Vorteil denken und könnte an mein eigenes, geistiges und wirtschaftliches Vorwärtskommen glauben und fleissig daran arbeiten, daran spinnen und weben, bis mich das Netz des Denkens vollkommen eingesponnen hat und ich darin ersticke, so Flügger auf der Reisterrasse, denke ich, vor dem Odeon sitzend und durch die vorbeigehenden Passanten hindurchschauend. Wir, Hohl und ich, hatten abgemacht, uns nach meiner Asienreise hier im Odeon zu treffen, damit wir das weitere Vorgehen, unser Projekt betreffend, besprechen könnten. Hohl als Produzent und ich als künstlerischer Leiter und Regisseur. Wie ich auf eine solche Idee überhaupt habe kommen können? Ein weiteres Projekt mit Hohl, wo doch bis jetzt kein einziges Vorhaben mit ihm realisiert worden ist. Weder mit mir, noch mit sonst jemandem. Soviel ich weiss, was man halt so hört, hat Hohl noch mit niemandem ein Projekt fertig gestellt. Doch Flügger, so denke ich jetzt, wäre nebst Hintersax durchaus ein Kandidat für unser Projekt. Wie er auch auf die Idee habe kommen können, so Flügger weiter, ausgerechnet auf den Philippinen in den Bergen, wo es oft regnerisch und kühl sei, sich in einer ungemütlichen Hütte zu vergraben, um dort nach philosophisch-geistigen Inhalten zu graben? Der Grund, warum ich meine geistig-philosophische Autobiographie nicht niederschreibe, so Flügger, nicht niederschreiben kann, ist, weil ich unter einer sogenannten Schreibblockade leide. Die sogenannte Schreibblockade hat man, denke ich, weil man nicht schreiben will. Weil es im Grunde genommen nichts zu schreiben gibt, weil das Leben nicht schreibend gelebt werden kann, weil es im Leben nicht darum geht, sich abstrakte Vorstellungen zu machen und Geschichten zusammen zu basteln und zu phantasieren, sondern weil man die Dinge direkt anzupacken hat, ohne den Umweg über diese schwarzen Zeichen auf weissem Grund. Die Schrift ist nur deswegen erfunden und entwickelt worden, weil es Menschen gab, die nicht leben wollten, die am Leben litten und sich lieber in die Abstraktion der Zeichen und der Schrift zurückzogen, damit sie nicht leben mussten, damit sie sich ihre eigenen Vorstellungen machen konnten. Schreiben frustriert. Man schaue sich bloss einmal diese Fotos an, welche die Schriftsteller jeweils in den Büchern im hinteren, inneren Teil, von sich abdrucken lassen. Alle mit heruntergezogenen Mundwinkeln oder mit verzweifeltem, aufgesetztem, zwanghaftem Lächeln. Die Mundwinkel in diesem Fall bewusst hochgezogen, künstlich hochgezogen, denn ein Schreiberling kann von Natur aus gar nicht wirklich lachen oder lächeln. Er kann nicht anders, als seine Mundwinkel hängen lassen oder sie ganz bewusst und übertrieben, künstlich eben, nach oben zu ziehen. Heutzutage sind die Fotos immer öfters nicht hinten beim Klappentext, sondern zieren ganz unverschämt die Front, damit man von Anfang an weiss, mit wem man es zu tun hat. Ohne Scham halten diese Kulturschaffenden einem auf dem Umschlag ihre depressive oder neurotische Visage entgegen. Ich muss mich ja vor mir selber schämen, dass ich von mir denke, ich sei auch ein Schriftsteller, aber eine Ausnahme, nicht so frustriert wie die andern, einer, der nicht mit den andern Schriftstellern zu vergleichen sei, sondern ein tiefgründiger Mensch, eine Ausnahmeerscheinung sozusagen. Dabei bin ich genau der gleiche eitle Gockel wie die andern Schriftsteller auch, mit dem einzigen Unterschied, dass die andern erfolgreich sind, ich aber nicht erfolgreich bin. Dazu kommt, dass ich nicht mehr weiss, was ich überhaupt schreiben soll, da ich eine Schreibblockade habe, was, wie gesagt, damit zusammenhängt, dass ich gar nicht mehr schreiben will, mir und den andern aber trotzdem und immer noch etwas vormache, mich mit meiner Schreibhemmung sogar noch interessant mache, indem ich so tue und die andern glauben mache, dass es tief in meiner Seele rumore, dass ich von einem neuen Text schwanger sei, dass es aber noch nicht Zeit sei zu schreiben, zu gebären sozusagen. Ich mache mich noch interessant dadurch, dass ich eigentlich gar nicht mehr schreiben will, weil ich nichts mehr zu sagen habe. Eine Tragödie ist das, so geht das Leben nicht nur an mir vorbei, sondern ich belüge mich auch noch und die andern dazu. Wenn ich überhaupt inspirierte Einfälle habe, dann unterwegs, zu Fuss oder im Bus, wo ein plötzlich auftauchendes Geräusch oder ein Bild von einer Reklame irgendwo oder mir sonst irgendetwas durch die Sinne flackert und eine Kettenreaktion im Gehirn auslöst. Doch diese inspirierten Einfälle gelangen gar nie zu Papier, da ich auf dem Spaziergang meistens keines dabei habe. Sich diese besten Einfälle zu merken, um sie später aufzuzeichnen, funktioniert sowieso nicht, es ist nicht mehr das gleiche, wenn man es erst Stunden später niederschreibt, weil der magische Augenblick der Inspiration vorbei ist. Andererseits kann es gar nicht so inspiriert und geistreich gewesen sein, wie es mir im sogenannt magischen Augenblick vorgekommen ist, es kann gar nicht so genial gewesen sein, das, was ich später ja nicht mehr weiss, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Was zurück bleibt, ist bloss so eine Ahnung, eine Hoffnung gewissermassen, dass es hätte genial gewesen sein können, dass es wirklich tiefgründig und inspiriert hätte sein können. Das denke ich später bloss deshalb, weil ich es nicht niedergeschrieben habe. Denn hätte ich dieses mir vorkommende Geniale niedergeschrieben, hätte ich im Nachhinein gemerkt, merken müssen, einsehen müssen, dass es auch wieder bloss ein weiterer Schwachsinn ist, uninspiriertes, oberflächliches, dummes Zeug, peinlich, so etwas überhaupt aufzuschreiben und einer Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen, absurd, meine Peinlichkeiten und Uninspiriertheiten, meine Eitelkeit einer Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen und mich so bloss noch mehr blamiere. So gesehen kann ich froh sein, diese Inspirationen jeweils nicht festgehalten zu haben, kann mich glücklich schätzen, auch diesen Moment der Intuition, dank dem, dass ich kein Schreibzeug und auch kein Aufnahmegerät bei mir hatte, habe verstreichen lassen. Jetzt könnte ich zwar immer noch sagen, dass ich diese wahrhaft inspirierten, tiefen Gedanken vom Wind habe davon tragen lassen, dass ich sozusagen auf Ruhm und Ehre zugunsten der wahrhaften Philosophie verzichte, der wahrhaften Philosophie, die darin besteht, dass man die Inspiration dem Wind und somit dem universalen Sein überlässt. Ich könnte mich zieren und sozusagen den Mystiker herauskehren und so tun, als hätte ich die besten Ideen dem Wind und dem Universum überlassen. Dabei war es mit Sicherheit bloss wieder irgendwelcher Schwachsinn, der sich durch meine gestressten Hirnregionen gewunden hat und es ist mir nur so vorgekommen, als ob es genial und geistreich gewesen sei, weil es noch nicht reflektiert war. Sind die Inspirationen erst einmal reflektiert, entpuppen sie sich meistens, sozusagen immer, als totaler Schwachsinn eines kranken Hirns. Es ist bloss noch ein Ekel, so Flügger auf dem Rand eines Reisfeldes sitzend, bei einer Pause unseres ausgedehnten Spaziergangs, eher einer kleinen Wanderung, durch die Reisterrassen. Andererseits, so Flügger weiter, kann man ja keine geistig-philosophische Autobiographie niederschreiben, wenn man immerzu von Platz zu Platz, von Ort zu Ort und von Land zu Land hechelt, weil überall etwas nicht so ist, wie es sein sollte, weil man sich überall gestört fühlt. Sei es durch den Motorenlärm, welcher in diesen Ländern ohrenbetäubend sein kann und somit geisttötend, oder durch das übermässige Zwitschern der exotischen Vögel, die einem den letzen Nerv ausreissen können, oder, und was das schlimmste ist, vom nicht enden wollenden, immerzu gleichmässigen Rauschen der Gezeiten des Meeres. Oder man wird von den katastrophalen, tropischen klimatischen Verhältnissen heimgesucht. Entweder ist es zu feucht und zu heiss, oder es ist zu feucht und zu kühl. Oft sind es in dieser Gegend auch die Tiere, die einem stören, so dass an ein Niederschreiben einer geistig-philosophischen Arbeit gar nicht zu denken ist. Ratten und Fledermäuse, Schlangen und Echsen, ganz zu schweigen von den Ameisen und den Moskitos. Von Ort zu Ort bin ich geflüchtet und wollte endlich meine philosophische Arbeit machen, endlich an einem sicheren und ruhigen Ort all meine Notizen und Aufzeichnungen durchlesen, sie sortieren und sie zu einer sinnvoll gestalteten, geistig-philosophischen Autobiographie zusammenfügen. Man kann sich ja gar nie richtig auf die Erinnerungen und Aufzeichnungen konzentrieren, so Flügger weiter, wenn man dauernd durch etwas gestört wird, wenn dauernd etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Man wird immer wieder abgelenkt, zudem wird man zusätzlich durch die eigene Unzulänglichkeit gepeinigt, indem ich statt zu schreiben, diese Computerspiele mache. Ich setze mich an den Computer und habe vor, nun mit meiner geistigen Arbeit zu beginnen, endlich wieder ein Stück vorwärtszukommen und meine Autobiographie zu schreiben. Doch statt zu schreiben, mache ich diese Computerspiele, diese sehr einfachen, stupiden Computerspiele, Kartenspiele vielmehr. Es ist ein Sog, eigentlich hätte ich ja vorgehabt, mich geistig zu sammeln und die Autobiographie zu schreiben. Ich stelle den Computer an, öffne das Dokument, doch bevor ich nur ein Wort geschrieben habe, drücke ich automatisch bei der Programmleiste auf Spiele, es ist eine Sucht. So stelle ich es mir vor, wenn der Süchtige zur Spritze greift. Auch wenn er voller guter Wille ist und sich zum Beispiel vorgenommen hat, eine Tasse Kaffee zu trinken, aber statt zur Tasse, zum Löffel greift, in dem er das weisse Pulver aufrührt. Es ist eine Manie, statt zu schreiben, statt geistige Prozesse in Gang zu setzen, statt die geistig-philosophischen Gedanken in Gang zu setzen, mache ich diese primitiven Kartenspiele, geistlos und verblödend. Verblödet sitze ich vor dem Computer und sage mir eindringlich, nach dem einen Spiel endlich meine philosophischen Gedanken meine Autobiographie betreffend, niederzuschreiben, endlich meinem geistigen Leben gerecht zu werden und abzurechnen mit meiner Vergangenheit, abzurechnen mit meinem Elternhaus, abzurechnen mit meiner kleinbürgerlichen, wohlanständigen, katholischen Herkunft, aus der ich stamme und endlich das alles niederzuschreiben, was schon das ganze Leben lang in mir gärt und an mir nagt und das endlich raus müsste, damit ich zu mir selber finde, um endlich mich selbst zu sein, endlich so zu sein, wie ich bin. Doch verblödet muss ich feststellen, wie ich immer mehr verblöde, mich immer mehr in Computerspielen verstricke, und ich sage mir, wenn ich ein Spiel verloren habe, dass ich mich, sobald ich eines gewonnen habe, endlich an die Niederschrift meiner so wichtigen geistig-philosophischen Autobiographie machen würde, mich aber statt dessen, auch wenn ich mal ein Spiel gewonnen habe, in andere Trivialitäten verstricke, ans Essen denke zum Beispiel oder ans Weiterreisen oder mich von Ameisen stören lasse, diese klitzekleinen Ameisen, die mich am ganzen Körper zwicken, so dass ich mich am ganzen Körper zu kratzen habe, und ich erst recht nicht schreiben, ich nicht mal mehr meine Computerspiele ungestört zu Ende spielen kann und das primitive Solitär genervt schliesse, so dass ich letztlich einen vernünftigen Grund habe, aufzustehen und den Computer wieder auszuschalten, obwohl ich ja anfänglich den Computer eingeschaltet hatte, um endlich meine geistigen Erinnerungen an mein Leben niederzuschreiben und sie zu einem literarischen Ereignis werden zu lassen. Und immer wieder die fixe Vorstellung, so Flügger, erinnere ich mich weiter, während die Kellnerin des Odeon am Tischchen mir gegenüber zwei anderen jungen Frauen, die sich inzwischen an den Platz gesetzt haben, ein Club Sandwich und ein Steak Tartar serviert, und immer wieder die fixe Vorstellung, an einem andern Ort würde ich zu mir finden, so Flügger, würde ich in der Lage sein, mich mit meinem sogenannt geistigen Leben beschäftigen zu können. Dort, an dem neuen Ort würde ich es bestimmt schaffen, mich zu konzentrieren, um endlich meine Autobiographie niederzuschreiben, endlich mit der seriösen Abschrift anzufangen, am nächsten Ort, der unbedingt besser sein wird, als der jetzige. Ein Ort, irgendwo in einem netten Hotel, in der Provinz am liebsten, so dass man nicht durch das Stadtleben abgelenkt wird, ein gutes Mittelklassehotel mit Swimming-Pool, damit ich mich auch körperlich ertüchtigen kann, so meine Vorstellung. Unbedingt werde ich mich am nächsten und idealeren Ort konzentrieren können, so meine vertrottelte Vorstellung, die mich schon seit Jahren durch die halbe Welt irren lässt, so Flügger. Die eine Frau, die mit dem Tartar Steak, stochert geistesabwesend in dem rohen Fleisch herum. Es kommt mir irgendwie vor, als ekle sie sich davor. Bleibt die Frage, warum sie es überhaupt bestellt hat, denke ich. Wenn ich keine Computerspiele mehr machen mag und endlich bereit wäre zu schreiben, ich aber die Möglichkeit habe, im Internet zu surfen, während ich immer noch denke, ich müsste ein intellektuelles, also nach innen gerichtetes, geistiges Leben führen und darüber berichten, so Flügger, statt also meine geistig-philosophischen Gedanken meine Autobiographie betreffend niederzuschreiben, schweife ich tatsächlich und konsequent in die Welt des Internet ab. Zuerst in der hehren Absicht, mich dort geistigen und philosophischen Texten zu widmen, interessante Artikel über Wissenschaft und Philosophie zu lesen. Doch leider ist die ganze Welt und nicht bloss die wissenschaftliche und die intellektuelle Welt im Internet präsent. Die ganze niedrige Welt ist bloss ein, zwei oder drei Klicks von meinen geistigen Inhalten entfernt, so dass man sofort in die sogenannten Niederungen der gesamten Welt gelangt, die mich, wie die Computerspiele, an sich fesseln und süchtig machen, die einem besetzen und beherrschen, die einem mit sich weg ziehen. Es ist eine wirkliche, absolute und totale Katastrophe. Es ist eine Katastrophe, dass heutzutage der Computer, mein einziges Arbeitsinstrument, das ich als ein intellektueller und geistig nach innen gerichteter Mensch wirklich benötige, es ist eine Katastrophe für mein geistiges Leben, dass dieser Computer mit dem Internet und der ganzen Dekadenz unserer Zeit verbunden ist, immer und überall, wenigstens in den zivilisierten Orten, den Hotels und Restaurants, wo ich mich aufhalte und wo mein Computer automatisch, ohne mich zu fragen, Kontakt mit dem Internet und also der gesamten Welt aufnimmt und mir den ganzen Schmutz und Schutt, die ganze Unordnung, das ganze Chaos der ganzen weiten Welt auf den Bildschirm holt. Oft ist es nicht einmal die Neugier, denn ohne dass man sich bewusst dazu entschieden hat, klickt man auf einen Link und schon ist man abgeschweift, surft auf der Welle, die einem meist sehr schnell in seichte und gefährliche Gewässer trägt. Ein Augenblick der Unachtsamkeit, und schon ist man gefangen von einer Botschaft, die man nicht hätte vernehmen wollen, einem Text, den man nicht hätte lesen wollen, einem Bild, das man nicht hätte anschauen wollen, einem Begehren, das man nicht hätte auslösen wollen. Ein unbewusster Klick und schon wird man heimgesucht vom Schmutz der ganzen Welt, von brutalen Nachrichten, von den Sauereinen des ganzen Planeten. Von dem ganzen Ramsch der ganzen Welt wird der eigene Geist verunreinigt, er wird mit dem schlimmsten Virus verseucht, gegen den sich der eigene schwache Geist kaum zu wehren vermag. Die Frau stochert immer noch in ihrem Tartar Steak herum und nippt dazu an einem Glas Weisswein, das anscheinend zu einem solchen Essen dazugehört, wie sie vielleicht meint, denke ich. Ich stehe wieder kurz auf, um auf die Toilette zu gehen und nehme auf dem Rückweg wieder eine Zeitung aus dem Gestell mit an den Tisch, die aber auch wieder ungelesen vor mir liegen bliebt. Er sei schon seit Wochen hier in der Hütte, versuche schon seit Wochen zu schreiben. Er komme von hier einfach nicht mehr weg, als ob es vom Schicksal so geplant gewesen wäre, als ob er statt seiner Autobiographie einen Bericht darüber zu schreiben hätte, wie es in den Bergen auf den Philippinen zu und her gehe. Als ob der Bericht über sein Scheitern in den philippinischen Kordillen seine wahre Bestimmung wäre und er deswegen hier in dieser Hütte gestrandet sei, so Flügger. Wie Robinson Crusoe, der auf seiner Insel keine andere Wahl mehr hatte, als sich mit seinem Schicksal im Hier und Jetzt auseinanderzusetzen, so muss ich einen Bericht darüber abgeben, so scheint es, dass ich lieber schon heute als morgen von hier verschwinden möchte. Jeden Tag denke ich, dass ich von hier so schnell wie möglich weg will, weil es mir hier nicht gefällt, weil ich hier nicht das bekomme, was ich brauche und es nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Wie ich mir dann aber trotzdem immer wieder sagen muss, dass es hier, gerade weil ich hier weg will, der richtige Platz für mich ist, zurzeit, damit ich endlich merke, dass ich meine geistig-philosophische Autobiographie gar nicht schreiben kann, weil ich sie nicht schreiben soll, weil meine sogenannte Autobiographie mich im Grunde genommen gar nichts angeht, so wie mich mein vergangenes Leben nichts mehr angeht. Es ist tatsächlich so. Da muss ich erst hier in Sagada, auf dem philippinischen Hochland, gestrandet sein, um zu merken, wie absurd es ist, eine philosophisch-geistige Autobiographie zu schreiben und erst noch mit der Absicht und dem Anspruch, sie als eine künstlerischen Arbeit zu veröffentlichen, um der Welt zu zeigen, wie wichtig meine Gedanken gewesen sind und meine Art zu leben. Ich musste erst einmal hierher kommen, in der Absicht, diese Autobiographie zu schreiben, um zu merken, wie überflüssig solch eine geistige Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit überhaupt ist, wie unwichtig, wie absurd und kontraproduktiv es ist, diese Arbeit zu schreiben, wie viel wichtiger es doch wäre, einen Bericht über das Hier und Jetzt abzugeben. Nicht einmal dieser Bericht über das Hier und Jetzt ist wichtig, aber das Hier und Jetzt ist die einzige Möglichkeit sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen. Wenn schon eine philosophisch-geistige Auseinandersetzung mit sich und dem Leben, dann eine im Hier und Jetzt. Obwohl, und das ist das Problem, jedes Hier und Jetzt automatisch zu einem schon Vergangenen wird, sobald man es niederschreibt und es also auch keinen Sinn mehr macht, weil man unweigerlich wieder an dem Punkt angelangt ist, wo ein neues Hier und Jetzt seinen Anspruch auf Leben anmeldet. Es ist irrsinnig und zeugt von Schwachsinn, ausgerechnet hier in den abgelegensten, kühlsten Bergen der Philippinen eine Momentaufnahme machen zu wollen, wo mir eine latente Erkältung ständig in den Glieder sitzt. Besser wäre es allerdings, weder einen Bericht über das Hier und Jetzt, noch eine geistig-philosophische Biographie, sondern überhaupt nichts zu schreiben, weder eine künstlerische Gedankenarbeit über die Vergangenheit, noch eine momentane Reflexion über das Hier und Jetzt zu schreiben, sondern einfach das Leben zu leben, im Hier und Jetzt zu leben, auch wenn es hier in den philippinischen Bergen gar nicht viel zu leben gibt. Aber das wäre immer noch besser, als sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Hier und Jetzt am besten in einen Bericht über das Hier und Jetzt zwängt. Flügger und ich waren inzwischen beim sogenannten View Point angekommen und hatten eine grandiose Aussicht über die Jahrtausende alten Reisterrassen gehabt, erinnere ich mich. Aber jetzt, so Flügger, wo ich es eingesehen hätte, dass es für mich besser wäre, aus meiner Hütte auszuziehen und definitiv mit dem Schreiben aufzuhören und das Leben zu geniessen, will ich gar nicht mehr aus der Hütte ausziehen, so Flügger weiter, während wir unsere Blicke über das wunderschöne in der Sonne gleissende Panorama der Reisterrassen gleiten liessen. Jetzt möchte ich noch schnell die Energie nutzen, die durch die Erkenntnis, dass es besser wäre, mit dem Schreiben ganz aufzuhören und hier aus der Hütte auszuziehen, entstanden ist und noch schnell weiter schreiben, weiter an meinem Bericht über das Hier und Jetzt schreiben, der das einzige ist, was ich im Moment zu tun habe, ausser eben noch die Autobiographie, die aus Hunderten von Seiten von Notizen und Fragmenten im Computer besteht, die allesamt nicht brauchbar sind, wie ich nach wiederholtem Durchlesen habe einsehen müssen. Diese Notizen und Fragmente, meine künstlerische Autobiographie betreffend, sind nicht brauchbar, nicht nur weil die Absicht, die Autobiographie überhaupt zu schreiben, gestorben und von mir gestrichen worden ist, sondern weil die Notizen allesamt absolut katastrophal geschrieben sind, was den Stil und den Inhalt angeht. Zudem sind sie nicht aktuell, da sie gar nichts mehr mit mir und meiner momentanen Situation im Leben zu tun haben und also gar keine Autobiographie mehr sein können, da sie gar nicht mich selbst beschreiben, nicht einmal meine Vergangenheit, sondern blosse Hirngespinste sind, Gedanken, die ich mir fahrlässigerweise über meine Vergangenheit gemacht habe und leider immer noch und immer wieder mache. Es sind im wahrsten Sinne des Wortes Hirngespinste, falsche Vorstellungen aus einer längst vergangenen Zeit. Hirngespinste eines Menschen, also von mir, der denkt, gedacht hat, dass er geistig und künstlerisch veranlagt ist und eine philosophische und künstlerische Geistesautobiographie schreiben wird. Für wen eigentlich? Für wen hat dieser Mensch aus der Vergangenheit eigentlich diese geistige, künstlerische Autobiographie schreiben wollen? Für sich? Also ich für mich selber? Oder für den Leser? Welche Leser? Diese überholten, sinnlosen und unzusammenhängenden Notizen sind unbrauchbar und haben mit mir und meinem jetzigen Leben absolut nichts zu tun. Ich weiss gar nicht, wie ich auf die Idee habe kommen können, eine solche Arbeit überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen. Zudem gehört diese Vergangenheit überhaupt nicht zu meiner Gegenwart, sie ist mit der Gegenwart absolut nicht kompatibel, sie stört nur. Die Vergangenheit stört mein momentanes Leben. Jetzt, wo ich es eingesehen hätte, dass es für mich besser wäre, lieber heute als morgen von hier auszuziehen, möchte ich mein Rattenloch am liebsten gar nicht mehr verlassen. Ich möchte hier blieben, um endlich an meinem Bericht schrieben zu können. Trotzdem, es ist eine Zumutung, in den Kordillen, im Norden der Philippinen, wo es immer nur regnet und kühl ist, so dass ich mir eine chronische Erkältung geholt habe, es ist tatsächlich eine Zumutung, über diesen Ort einen Bericht über mein Hier und Jetzt abgeben zu müssen, mir aus dem grössten Rattenloch der Welt Rechenschaft über mein momentanes Leben geben zu müssen. So denke ich dann doch wieder, ob es vielleicht nicht doch besser wäre, statt den Bericht über meine momentane Situation, eben doch lieber eine künstlerische, geistig-philosophische Autobiographie über mein Schicksal und meine Vergangenheit zu schreiben, meine Gedanken auf literarische Weise auszuzeichnen, damit mein Leben und somit ich einen grösseren Sinn bekommen. Doch sogleich sehe ich, wie ich kläglich darin scheitere, scheitern muss, vor allem, wenn ich mir bewusst werde, wo ich tatsächlich gelandet und gestrandet bin, gestrandet in einem Rattenloch in den regnerischen Kordillen auf den Philippinen. Ich sehe sofort, wie ich kläglich scheitere und meine geistige Autobiographie gar nicht erst schreiben kann, weil die Notizen dazu absoluter Schwachsinn sind, peinlich, dass ich das überhaupt einmal geschrieben habe, kaum vorstellbar, dass ich solchen Unsinn überhaupt habe schreiben können und erst noch gemeint habe, es sei geistreich, es seien wichtige und geistig wertvolle Gedanken, eine Autobiographie in Prosa. Wie habe ich überhaupt auf die Idee kommen können, mein Leben zu beschreiben? Wohl nur aus purer Eitelkeit, um mein Leben als wichtig hinzustellen, eine absurde Idee, überhaupt auf solch eine absurde Idee zu kommen. Da muss man schon ziemlich krank im Kopf sein, wenn man auf die Idee überhaupt zuerst einmal kommt, eine Autobiographie und erst noch eine künstlerische, in geistig-philosophischer Prosa schreiben zu wollen. Statt dass man einfach eine Reise macht, ohne Bericht darüber abzugeben. Aber jetzt muss ich hier raus, unweigerlich, spätestens morgen früh, besser noch heute Nachmittag, so Flügger. Ueli hat inzwischen einen Gesprächspartner gefunden, wie ich von draussen durch die Scheiben sehen kann. Sobald er jemanden für ein Gespräch gefunden hat, bestellt er ein Glas Rosé oder ein Glas Weisswein, um so angeregter seine Lieblingsthemen durchzunehmen. Niemand weiss genau, wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Er habe Liegenschaften in der ganzen Schweiz, antwortet er jeweils, wenn man ihn darauf anspricht. Die NZZ liegt bei diesen Gesprächen immer ausgefaltet vor ihm auf der Bar, so dass er all seine Thesen mit Artikeln, die er eben gelesen hat, untermauern und ausschmücken kann. Manchmal streicht er auch etwas mit seinem Kugelschreiber durch und schreibt seinen eigenen Text in die Zeitung, so dass sich der nächste Gast wundern und amüsieren kann. Er sei der neue NZZ Lektor, meint er alsdann mit einem selbstgefälligen Lächeln. Nach kurzen Augenblicken der Aufmerksamkeit auf Ueli schweife ich wieder ab und erinnere mich wieder unserer gemeinsamen kleinen Wanderung in den Reisterrassen. Ich habe ja schon beim Einchecken vor ein paar Wochen gemerkt, so Flügger weiter, schon der erste Schritt und das erste Schnuppern haben mich aufgeklärt darüber, wo ich gelandet bin, nämlich in einem feuchten, krank machenden Rattenloch. Die Frage bleibt bestehen, wie ich überhaupt habe auf die Idee kommen können, mich anfangs, als ich dieses Häuschen gesehen habe, mich überhaupt über den Einzug in dieses Häuschen zu freuen. Wenn ich ehrlich sein will, habe ich mich gar nicht gefreut. Es war nur so eine mir selbst vorgemachte Freude gewesen, weil es natürlich ist, dass man sich freut, wenn man ein hübsches, kleines Häuschen in der Natur für sich als Refugium gefunden hat, wo Ruhe und Abgeschiedenheit und Aussicht auf Wälder herrschen. Zudem wurde mir das Häuschen zu einem bescheidenen Betrag angeboten. Dabei habe ich es von allem Anfang an gewusst, dass das hier ein Rattenloch ist, wenn auch nicht wirklich gewusst, so doch geahnt, dass es hier von Ratten nur so wimmelt, dass hier etwas nicht stimmen kann, vor allem bei dem Preis. Aus Erfahrung weiss ich, dass die Idylle immer Tücken hat, dass die Idylle sozusagen von Tücken beherrscht wird, dass Idylle und Tücke im Grunde genommen das gleiche bedeuten, dass es Synonyme sind. Auf jedem Werbefoto, alles, was eine Idylle vortäuscht und eine Idylle ist immer vorgetäuscht, eine Idylle ist schon von Natur her ein Blendwerk, eine Idylle ist sozusagen das Synonym von Blendwerk. Schon deswegen habe ich gewusst, dass es ein Blendwerk ist, als mir das Häuschen von der Managerin als Idylle präsentiert wurde. Wie sie mir alles gezeigt hat, wie sie mich auf die Aussicht aufmerksam gemacht hat, wie sie mich auf das alte Strohdach am vorderen Teil des Häuschens aufmerksam gemacht hat, wie sie mich genötigt hat, auf den Dachboden zu steigen und wie sie mir vom Schlafzimmer aus die Aussicht auf die Wälder und die Felsen schmackhaft gemacht hat, mit der Bemerkung, dass man vom Schlafzimmer direkt auf die bewaldeten Berge sehen könne. All das hat sie herausgestrichen, obwohl ich es ja klar vor Augen hatte, man mir also nichts mehr hätte herausstreichen müssen. Dieses Herausstreichen der Idylle hat mich sofort misstrauisch gemacht und mich auch nicht vom ekelhaften Geruch im Häuschen, den ich sofort beim Eintreten wahrgenommen habe, hat ablenken können. Dieser feuchte und nach geräuchertem Schweinefleisch stinkende Raum ist mir sofort in die Nase gestiegen, da hat jeder Hinweis auf Berg und Tal, auf Wald und Hügel nichts dagegen ausrichten können. Ich habe von allem Anfang an gewusst, dass da etwas nicht stimmen kann. Anfangs weiss man naturgemäss nicht, was genau nicht stimmen kann, man ahnt nur, dass etwas nicht stimmen kann. Das habe ich sofort gerochen, dass da geräuchert wird und meine erste Reaktion war, dass ich mir die Jacke zumachte, ein klares und eindeutiges Indiz, dass etwas nicht stimmen konnte. Ich habe es aber naturgemäss nicht wahrhaben wollen, weil das Angebot doch zu verlockend war, weil das Angebot doch geradezu meinen Wünschen entsprach, was Ruhe und Natur und Einfachheit angeht. Da habe ich das, was ich sonst noch wahrgenommen habe, einfach verdrängt, wie man so sagt, habe mir gut zugeredet, dass ... Interessiert wie es weitergeht? Dann also ....
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