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Erstes Kapitel

 

Es war der schönste Tag im ganzen Herbst gewesen, als Alex Beelzer am 26. Oktober 1945 in Zürich geboren wurde und trotzdem das Licht der Welt nicht erblickte. Der goldene Oktober tat an diesem prächtigen Tag seinem Namen alle Ehre. Die Luft war klar und trocken. Das Laub der Kastanienbäume der Seepromenade leuchtete den vielen Spaziergängern am Nachmittag goldrot den Weg. Kein Windchen wehte durch die farbigen Baumkronen und der See lag spiegelglatt in seinem Becken da. Kein Wellenschlag trübte seine Ruhe. Am tiefblauen Himmel war keine Wolke zu sehen. Der Druck des Föhns, der durch die Alpentäler blies, liess an diesem Nachmittag den Temperaturmesser das letzte Mal in diesem Jahr weit über 20 Grad ansteigen. Die schneebedeckten Voralpen standen stolz und zum Greifen nah vor der Stadt am Horizont.

Doch dann passierte etwas Unvorhergesehenes. Am späten Nachmittag begannen die bunten Blätter der Bäume leise zu rascheln. Der See schlug ungeduldig kleine Wellen. Von Osten her kam Wind auf. In den Bergen war der Föhn von einem Moment auf den andern zusammengebrochen. Ein Gewitter kündigte sich an. Von Ferne war jetzt das Grollen des Donners zu hören. Dann hasteten auf einmal in rascher Folge ganze Staffeln von schwarzen Wolkentürmen heran. Ein Unwetter unbekannten Ausmasses brach jetzt über die Stadt herein, eine Katastrophe, wie sie Zürich noch nie erlebt hatte, als ob sich die Natur am von Kriegen verschont gebliebenen Zürich noch nachträglich rächen wollte. Es war wie eine Schlacht. Blitze sausten und zischten durch die Lüfte, gefolgt von krachenden Donnern.

Gekreische, Lärm, Gedränge, Angst.

Und dann kam der grosse Regen. Eine gewaltige Sintflut ging über der Stadt nieder. Es schüttete wie aus Kübeln. Schon nach 20 Minuten standen die Bahnhofstrasse, das Bellevue und der Limmatquai unter Wasser.

Doch so schnell wie die Katastrophe über die Stadt gekommen war, so schnell war auch alles wieder vorbei. Nur eine Stunde hatte der Spuk gedauert. Zurück blieb eine verwüstete Stadt. Es war die totale Tragödie. Und als wäre ein zynisches Schicksal am Werk, als hätte es ein wutentbrannter und bösartiger Gott auf Zürich abgesehen, stürzte darauf die Temperatur in Minuten gegen null Grad.

Was nun folgte, war gespenstisch. Aus der Kälte der Wasser stiegen Nebel auf. Ein zäher, dicker, weisser Schleier legte sich düster über die ganze Stadt, zog langsam durch die Strassen und Gassen über die abgedeckten Häuser hin und deckte das unermessliche Leid zu, als hätte die Natur ein schlechtes Gewissen und wollte ihre Taten ungesehen machen. Man sah nicht nur nichts mehr, sondern hörte auch nichts mehr. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch, so dick war er.

 

Hier nun, in dieses katastrophale Chaos hinein, wurde Alex Beelzer geboren. Als das Drama begann, begannen auch Christine Schwindlers Wehen. Sie war alleine in ihrem Haus an der Bergstrasse, die in einem höheren Quartier lag. Sie fühlte sich ausserordentlich gut an diesem schönen Nachmittag, nutzte den Sonnenschein und putzte emsig die Fenster im Wohnzimmer. Das Radio spielte Marschmusik. Christine freute sich auf die Zukunft mit ihrer Familie und dachte an ihren Mann, der in einer Bank in der Stadt im aufstrebenden unteren Kader für das Wohl der Familie sorgte.

Mit dem ersten Wind kamen auch die ersten Wehen. Sie schloss sofort die Fenster und kräuselte die Stirn. So schnell wie der Wind und die Wolken heranbrausten und das nahe Unheil ankündigten, so schnell nahmen auch die Wehen zu. Es bestand kein Zweifel: das Kind. Es war ihr erstes. Ein sich selbst tröstendes Lächeln eilte über ihr hübsches, schmales Sonntagsgesicht. Bald würde ja ihr Mann nach Hause kommen und der würde das freudige Ereignis dann schon in die richtigen Bahnen lenken. Trotzdem, dass das Kind ausgerechnet jetzt kommen musste und dann erst noch bei diesem Sauwetter! Es sollte doch erst in drei Wochen so weit sein, hatte der freundliche Arzt gesagt und ihr Mann hatte extra einen Tag frei eingegeben. Dabei hatten sie sich so auf die Geburt gefreut. Das Kinderbettchen stand schon seit Wochen in ihrem Schlafzimmer und im Spital war sie auch angemeldet. Christine wartete tapfer auf dem Sofa auf ihren Mann.

Sie hatten sich während des Krieges kennen gelernt, als sie bei seiner Familie aushalf, das Haus in Ordnung zu halten. So verdiente sie etwas und bei ihrer eigenen Familie war erst noch ein Kostgänger weniger am langen Holztisch. Eine Ausbildung zu machen, stand in ihren Kreisen während des Krieges nicht zur Debatte. Sie und Erich hatten sich sofort gut verstanden. Die Schwindlers kamen vom Zürichberg und waren nie richtig einverstanden gewesen, dass ihr Sohn nicht standesgemäss heiratete. Aber Christine war sehr hübsch, fleissig, freisinnig eingestellt, reformiert und zwei Jahre jünger als Erich. Als der Krieg seinem Ende zuging, waren alle dankbar, dass die Schweiz verschont geblieben war und da drückten auch die Schwindlers ein Auge zu und waren mit einem Mal tolerant und zeitgemäss eingestellt. Sie würde ihm eine gute Frau sein, das hatte sie ihm versprochen. Sie würde auch das Haus selber in Schuss halten, wenigstens am Anfang seiner Karriere, wenn er noch nicht soviel verdiente. Dass es aber einmal anders kommen würde, dass er einmal sogar Bankdirektor werden würde, dessen war Christine sich ganz sicher. »Ich werde schon schauen, dass es soweit kommt«, scherzte sie oft mit einem schelmischen Lachen. Er gab ihr dafür jedes Mal einen schmatzenden Kuss auf ihren zarten, hübschen und weissen Hals.

Aber draussen stürmte, wehte und heulte der Wind. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Die Wehen wurden stärker. Da war ihr auf ein Mal unheimlich zumute und sie fing an zu zittern. Sie schaute auf die Strasse. Wo war ihr Mann? »Wo ist er, wo, wo bist du?«, fing sie an, vor sich hin zu wispern, »Komm, hilf mir!«

Sie bekam es mit der Angst zu tun und lief jetzt wie ein aufgescheuchtes Huhn in der ganzen Wohnung umher. Sie ging ins Obergeschoss, ins Schlafzimmer, nein, da war er nicht. Vielleicht im Keller? Sie ging in den Keller hinunter, rief seinen Namen. Keine Antwort. Die Wehen wurden unerträglich. Kein Zweifel, das Kind wollte raus und zwar sofort. Vor dem Haus schüttete es jetzt aus allen Wolken. Sie fasste sich an den Bauch, setzte sich, fing an zu weinen, stand sogleich unter Schmerzen wieder auf und lief zum Telefon. Tot. Auch das Radio hatte zu spielen aufgehört. Sie wollte Licht machen. Kein Strom. Das Kind drückte jetzt, war schon ziemlich weit in den Geburtskanal vorgestossen. Es wurde dringend. Panisch riss sie die Fenstertür auf, die auf den Sitzplatz hinausführte und stürzte in den Garten. In Sekunden war sie durchnässt. Auf allen Vieren kroch sie durch den frischgemähten und nassen Rasen auf das Gartenhäuschen zu, wo Holzscheite für die sommerlichen Grillpartys stilvoll gestapelt lagen und wo Gartengeräte und Gartenmöbel aufbewahrt wurden. Mit letzter Kraft schleppte sie sich in den Schuppen, lehnte sich im hinteren Teil an die Holzwand und gebar, unter dem gewaltigen Trommeln des Regens auf das Schuppendach, schreiend ihren Sohn.

Das erste, was ihr auffiel, waren seine Ohren. Nicht dass die extrem gross gewesen wären, aber irgend etwas Unheimliches ging von ihnen aus. Sie bekam es mit der Angst zu tun und wurde ohnmächtig. Doch das fürchterliche Gezeter des Neugeborenen holte sie bald wieder zurück und sie fand sich, auf dem hartgestampften Erdboden des Gartenschuppens liegend, mit einem verschmierten und vor lauter Kreischen ganz blauen Knaben auf ihrem beigen und eben durch das Blut ruinierten, selbst angefertigten Deux Pièce. Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten ins Leere. Die Nabelschnur hing ihr in den Schoss. Als sie nach ein paar Minuten wieder etwas zu Kräften gekommen war und auch weil das Kind nicht mit Schreien aufhören wollte und weil sie jetzt plötzlich von der jäh aufkommenden Kälte zu schlottern begann, schleppte sie sich mit dem Kind an den Bauch gepresst nach draussen in den Garten, wo schon einige Nebelschwaden durch die Büsche zogen. Zufälligerweise fuhr ein Taxi vorbei und da der Chauffeur das Neugeborene schreien hörte, schaute er hin.

»Was ist denn passiert?« wollte der Fahrer wissen. Kraftlos deutete sie mit der linken Hand zum Gartenhaus. Der Fahrer verstand nicht, brachte sie aber zurück ins Häuschen und legte sie auf eine Bank. Worauf die klebrige Masse wieder zu schreien begann.

»Nabeln Sie mich endlich ab«, keuchte Christine.

Der Taxichauffeur zog geistesabwesend ein Taschenmesser der Armee aus der Hose, schnitt die Nabelschnur in der Mitte durch, worauf das Kind zu schreien aufhörte. Christine glaubte sich schon erlöst und streckte sich erschöpft aus.

Das Kind habe wohl Hunger oder Durst, wagte der Chauffeur zu sagen, als der Säugling nach kurzer Pause wieder zu schreien ansetzte. Christine suchte mit ihrer freien Hand einen Weg durch ihre weisse, blutbesudelte Bluse und gab dem Störenfried schliesslich die Brust. Gierig sog er daran. Er sog und sog, immer hektischer sog er. Aber es war vergebens. Keinen Tropfen Milch konnte er der ausgetrockneten und verkrampften Brust entziehen. So besann er sich wieder auf das Schreien.

Völlig verwirrt stand Christine mit allerletzter Kraft auf, legte dem verdutzten Taxichauffeur den Säugling in die Arme, faselte etwas von »Mann« und »holen gehen« und ging gebückt davon.

Wohin sie denn gehe, was denn hier überhaupt los sei, rief er ihr nach und wollte sie zurückhalten. Doch da war sie schon im Nebel stadteinwärts verschwunden. 

 

.....Fortsetzung im Buch ..... 

 

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