| Fahrt ins Blaue |
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„Beine nicht auf das Polster, nicht hinaufsteigen, nicht die Schuhe ausziehen, nein, nicht hier, fass das nicht an, das ist schmutzig!" sagt die Mutter, und der Vater sagt: „Schaut doch endlich zum Fenster hinaus, die Landschaft ist so schön!" Doch die Kinder wollen lieber auf den Sitzen des Zugabteils herumkrabbeln, Comics lesen, Computerspiele machen. So passiert es, dass der Vater die Landschaft nicht mehr geniesst, die Mutter mit ihren Erziehungsmethoden nicht mehr durchkommt, die Kinder die Comics nicht mehr konzentriert lesen können und mir die ganze Familie auf die Nerven geht. So geht es zu und her im Zug. Bei Bad Ragaz bin ich ausgestiegen und habe das Postauto genommen. Und jetzt bin ich in Vättis. In diesem Tal war ich noch nie und die Busfahrt war schön. Hier gibt es bunte Wiesen mit richtigen Wiesenblumen, wie es sie früher bei uns unten auch noch gegeben hat. Vorher, da war ein nicht mehr ganz junges Paar im Zug. Sie wollte ihn mit einer Fahrt ins Blaue überraschen. Doch hat er mit der Zeit irgendwie geahnt, wohin die Reise geht, schliesslich haben die beiden ununterbrochen darüber gesprochen. Er hat immer wieder neue Thesen gewagt, alle möglichen Ortschaften heruntergeleiert, um dann plötzlich mit einem Anflug von Gewissheit auszurufen: „Es geht nach St. Moritz!" Und sie konterte geheimnisvoll: „Vielleicht aber geht’s ja nach Zermatt!" Und ich wusste zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht, wohin meine Reise führt. Einfach so bin ich auf den Bahnhof gegangen und bin eingestiegen, wo ich gerade Lust hatte. So viele Möglichkeiten gibt es ja auch wieder nicht in Zürich. Entweder man steigt in den Zug nach Bern oder nimmt den Zug nach St. Gallen, oder nach Chur, oder Richtung Basel, Lugano, Luzern oder Olten. In Ziegelbrücke wollte ich aussteigen, habe es dann aber bleiben lassen, weil dort so viele Leute am Aussteigen waren. Eine Völkerwanderung mit Kind und Kegel, mit dicken Socken, sauberen Wanderschuhen, Skistöcken zum Wandern und prall gefüllten Rucksäcken! So bin ich weiter nach Bad Ragaz gefahren und weil dort fast niemand ausgestiegen ist, habe ich die Gelegenheit erkannt und bin ausgestiegen. Und weil gerade ein Postauto bereit stand, habe ich es genommen. Und jetzt bin ich eben in Vättis in einem Wäldchen und gehe einer Gondelbahn entgegen, die mich auf einen Berg bringen soll, aber auf welchen weiss ich nicht. Diese Leute im Zug! Wie sie immer alles, was sie sehen, kommentieren müssen! „Schau, jetzt sind wir in Wädenswil", sagen sie, wenn da „Wädenswil" steht. Und wenn steht: „Abfahrt 14.43 Uhr" und der Zug fährt erst um 14.45 Uhr ab, dann sagen sie: „Du, jetzt haben wir schon wieder zwei Minuten Verspätung." Und dann ist die Welt gar nicht mehr in Ordnung. Sie identifizieren sich mit der Verspätung und bekommen ein schlechtes Gewissen, als wären sie die Lokomotive, die zu wenig schnell gefahren ist, und der ganze Tag wäre im Eimer, wenn es da nicht gleich wieder eine Gelegenheit zu einem neuen Kommentar gäbe. Denn bald schon können sie wieder sagen: „Du, schau mal hier steht ‚Ziegelbrücke‘, jetzt sind wir in Ziegelbrücke." Jetzt komme ich zur Gondelbahn. Es gebe aber kein Restaurant dort oben, nur eine Alp. Leider habe ich keinen prall gefüllten Rucksack bei mir, also gehe ich wieder zurück und nehme das nächste Postauto, das mich zur grossen Staumauer fährt. Wir kennen sie alle vom Fernsehen her. Ein Wagemutiger springt mit einem Seil am Fuss in die Tiefe und dazu erscheint das Signet von SF DRS auf dem Bildschirm. Dann geht’s zu Fuss auf Wanderwegen zurück nach Vättis. Ein schöner Spaziergang durch Wald und über Stock und Stein. In Vättis noch einen Kaffee in einem Gartenrestaurant und ab zurück nach Bad Ragaz und in den Zug nach Zürich. Mir gegenüber sitzt eine, ich weiss nicht, ob das eine ehemalige ausrangierte Emanze ist oder was, schlecht sieht sie zwar nicht aus. So 40 oder 45 wird sie sein und sitzt in einem Viererabteil, wie ich auch. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass sie einen Platz direkt am Gang eingenommen hat, während ich am Fenster sitze. Zudem ist sie barfuss und hat die Füsse mit den Haaren auf den langen Zehen auf den Sitz ihr schräg gegenüber gelegt, also auf den Fenstersitz, sodass sie gleich drei Sitze einnimmt: Den, auf dem sie sitzt, den, auf den sie die nackten Füsse mit den behaarten langen Zehen gelegt hat und den leeren Sitz neben sich am Fenster, den sie durch die Beine gegen den Gang hin abgesperrt hat. Somit gibt es noch einen Sitz ihr direkt gegenüber, von dem aus man ihr genau zwischen die Beine schauen könnte. Zu sagen ist noch: Der Zug ist übervoll. Vielleicht hat sie einfach ein übertriebenes oder ein aufgesetztes Selbstbewusstein. Oder sie hat die Bibel „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin" gelesen und es so verstanden, wie die Autorin es gemeint hat. Rücksichtslosigkeit und Rechtsstaat. Es gibt viele Reisende mit dem Motto: „Der Zug gehört mir. Das Abteil ist mein Stübchen. Im Zug mache ich, was ich will. Ich kiffe, ich lege mich hin und schlafe, obwohl es viele Reisende hat. Ich lege meine Füsse auf das Polster, mit oder ohne Schuhe, was soll’s, ich habe bezahlt. Ich habe das Recht, mich so zu benehmen, wie ich will. Ich habe das Recht zu verschmutzen, ich habe das Recht, den Leuten auf die Nerven zu gehen, ich habe das Recht beim Telefonieren so laut zu sprechen, wie ich will, schliesslich bin ich liberal und aufgeschlossen, habe vor niemandem Geheimnisse und benütze mein Handy, wo und wie immer ich will. Ich habe das Recht, den Walkman so laut einzustellen, dass man die Geräusche sogar noch am Ende des Wagens wahrnimmt. Ich habe jegliches Recht, schliesslich leben wir in einem Rechtsstaat, der die uneingeschränkten Freiheitsrechte des Individuums garantiert. Sollte jemand reklamieren – was sich aber niemand getraut, da die Schweizer selber wissen, dass man in einem Rechtsstaat nicht reklamieren darf –, sollte sich aber dennoch jemand erfrechen zu reklamieren, so reagiere ich gar nicht erst, oder reagiere aggressiv oder drohe gleich mit einer Klage! Denn ich habe das Recht!" Gleiche Post im überfüllten Postauto. Dort plappern alle Leute lautstark durcheinander, wie auf einer Hühnerfarm, plappern den grössten Schwachsinn zusammen, und die andern müssen sich das anhören. Zudem mischen sie sich überall rein, auch in die Fahrweise des Chauffeurs, alles wird argwöhnisch beäugt und negativ kommentiert. Denn sie haben eben das Recht dazu. Plötzlich sitzt man wieder mitten drin in diesem ganzen Stumpfsinn, wird mit all den Themen konfrontiert, die einem von den Medien und den Mitreisenden vorgekaut werden. Tote und Verletzte, Sport, Helikopter und Krieg, Attentate und Palästinenser, Juden und George W. Bush. Die ganze Palette vorgekauter Auseinandersetzungen, wohin man immer geht, überall Expertisen und Tipps. Da müssen die Leute ja unanständig werden. Oder wahnsinnig. Ich wundere mich, dass hier bei uns nicht mehr passiert. Schiessereien und Vergewaltigungen, Selbstmordattentate und Terror am Arbeitsplatz, auf offener Strasse oder auch im Zug. |